Meine Tage sind gezählt

Ich glaube es gibt keine spannendere und intensivere Zeit im Leben, als vor solch einem Start. “Was ist mit einer Hochzeit?”, frage ich mich. Das ist sicher auch aufregend, vergleichbar. Vom Junggeselle zum Ehemann. Es gibt diese Zäsur, ein Davor und ein Danach. Für mich ist die Zeit danach so weit weg und noch ziemlich offen. Ich hoffe, dass ich nach Barcelona zurückkomme – mit dieser tollen Yacht in einem Stück – und meinem großartigen Co-Skipper Ryan – ebenfalls in einem Stück.

Ich hoffe, es wird ungefähr Ende März, sein, denn wir haben ja nur Essen für 91 Tage an Bord. Das Rennen selbst ist eine große Unbekannte. Das Einzige, was ich weiß, ist dass meine Tage gezählt sind. Ich habe mein Testament per Email an einen Freund gesendet. Ich bin aufgeregt und erlebe jede Minute als etwas ganz Besonderes. Es gibt keinen Moment der Stille mehr. Wir sind schon lange im Rennen, denn jetzt gilt es sich zu konzentrieren und ein inneres Gleichgewicht zu finden. Ich merke, wie dieses große Abenteuer unendliche Energie in mir freisetzt. Die muss ich noch etwas kanalisieren. Auch alle Freunde und Teammitglieder müssen jetzt verstehen, dass wir im Rennen sind. Dass es losgeht, dass wir uns keine Fragen mehr stellen, dass wir kaum noch ansprechbar sind.

Atmosphäre: Abends ist es noch mild. Lichterspektakel erleuchtet die Masten. Musik. Leute flanieren über den großen Schwimmsteg und bestaunen die Yachten, diese eigenartigen Gefährte, auf denen die ganze Hoffnungen ihrer Teams liegt. Ich halte kurz inne, genieße den Moment.

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I am ready

Montag, 1. Dezember. Wir sind bereit. ICH bin bereit. Zahnbürste, Handy und Portemonnaie in meinem Rucksack, Segelkleidung in einer wasserdichter Tasche … All das andere Hab und Gut meiner Wohnung in Concarneau ist in deutschen Umzugskartons verpackt und auf einer Palette in Folie eingeschweißt in die Ecke der Werfthalle geräumt. Es kann losgehen. Ich fahre wegen Eisgefahr vorsichtig über die Landstraßen durch meine mittlerweile zur Heimat gewordene Bretagne, um unser deutsches Crewmitglied abzuholen: Den amtierenden Europa- und Weltmeister im 505er – meinen alten Kumpel Julien, dessen Flieger wegen Schnee in HH einige Stunden verspätet ist.

Wir haben es eilig. Ein Tief steht über den Azoren und driftet auf die Portugisische Küste zu, droht uns den Weg ins Mittelmeer zu versperren. Zwischenstopphäfen sind organisiert, ob wir es schaffen ist jedoch fraglich. Unser Shoreteam hat mit den Hafenmeistern in Baiona und Cascais telefoniert, um unseren eventuellen Zwischenstopp vorzubereiten, sollten wir es nicht vor dem Tief schaffen.

Es zählt also jede Stunde. Für Julien gibt es kein Pardon, keine Eingewöhnungsphase. Kaum ist der Wagen neben dem Boot geparkt, geht es im Dunkeln über einen vereisten Steg an Bord. Das Handgepäck unter dem Arm, ohne Zeit sich umzuziehen. Was für ein Kontrast zur “HSH Nordbank”, seinem normalen Arbeitsplatz bis vor ein paar Stunden. In den folgenden Tagen wird er den Kontrast zwischen unseren Arbeitsplätzen des Öfteren konstatieren, besonders bei der Ankunft in Barcelona und einem typischen „Geschäftsessen“ eines Segelrennstall nach getaner Arbeit. Da geht es hoch her …

Um es vorwegzunehmen: Wir haben das Rennen gegen das Tief gewonnen, aber sind dafür drei Tage lang bei 38 Knoten am Wind geknüppelt. Juliens Kommentar: “Das ist ja unmenschlich und hart”. Doch heute Morgen wurden wir für alles mehr als entschädigt: Segelstunden, für die man auch 3 Monate am Wind segeln würde, in aufgehender Sonne Vollgas über die flache See heizen bei 20 Grad. Dieses unbeschreibliche Gleiten einer großen Yacht, dieses unbeschwerte Wellenreiten ohne Pause, dieses Dahingleiten und mit-den-Wellen-spielen. Bis zu 34 Knoten Wind, großer Spinnaker und volles Großsegel. Julien steuert das ganz lässig. Als Jollensegler hat er das Feeling, ist dennoch beeindruckt von der Größe, diesem großen Geschoss.

Am Steg in Barcelona gibt es Begegnungen: Jean Le Cam (President) hatte die gleiche Strecke wie wir nur 12 Stunden eher bezwungen, ebenso Alex Thomson (Hugo Boss). Plausch auf dem Steg mit Alex’ Bruder David Thomson, den Julien und ich gut vom Portimao Global Ocean Race kennen. Unser Shoreteam ist übernächtigt, die Nacht im Laster durchgetruckt. Unser Bürocontainer ist aufgebaut, der Werkstattcontainer aus Concarneau eingetroffen, das Schlauchboot im Wasser. Alles ist gut vorbereitet und läuft wie am Schnürchen.

Der Empfang ist kühl, professionell. Mit dem Shoreteam klettert schon im Vorhafen der Elektroniker aus dem Schlauchboot an Bord und zieht mich gleich nach unten. Wir starten mit den ersten Punkten der Workliste und bevor das Boot fest macht hab ich keine Gelegenheit, überhaupt etwas von Barcelona zu sehen. Kurzes Interview, dann ist endlich Zeit für unser Mittagessen. Große Überraschung: am Gebäude der Rennveranstalter prangert groß ein Bild von Ryan und mir. Mit groß meine ich groß, siehe Foto. 70 Meter lang?

Die Überführung ist gut gelaufen. Gute Stimmung, aber große Erschöpfung – denn ich habe viel gemessen, nicht viel geschlafen, viel beobachtet und gearbeitet, um alle System final zu checken. Also erstmal ankommen, etwas ausruhen. Ich bin bereit für ein Bier, ein Steak. Ich bin bereit für das Rennen. Ein gutes Gefühl. Ein Jahr harte Arbeit liegt hinter uns. Ein erster Erfolg. Wir sind am Start. Liebe Grüße aus Barcelona.

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Bilou gewinnt die Route du Rhum!

Unser Teamchef Roland Jourdain (Bilou) macht den Traum war, sein Schlachtplan geht auf. Das gesamte Team ist im Freudentaumel. Leider bekomme ich die Stimmung in Frankreich nicht hautnah mit, aber die Kollegen berichten mir, dass es drunter und drüber ginge in den Straßen der meisten französischen Großstädte ;-) Nein im Ernst, Bilou hat eine unglaubliche Popularität in Frankreich und einen riesigen Fankreis über alle Altersschichten hinweg. Beim Start sagten seine Söhne ganz neidisch: “Der hat ja so viele Groupies in unserem Alter …”

Heute Abend gibt es eine große Feier in unserem Concarneauer Lieblingsrestaurant, im „La Verriere“.

Die letzten Tage waren der reinste Nervenkrieg für uns. Alle Internettracker laufen heiß, die Klickzahlen gehen durch die Decke und Bilou bleibt kurz vor dem Ziel noch in der Flaute stehen.

So geht das Team mit dem Stress um … Eine typische Situation:

Wegen einer Organisations-Tournee durch Deutschland (HH, MUC, Köln), stets im Gespann mit BHR-Teamchef Arno Kronenberg, verpassen wir leider die Bilou-Sieges-Feier und die meisten internen News. Erst Mittwoch geht es für mich zurück nach Concarneau in die Teambase und hoffentlich gleich aufs Wasser. Meine Stippvisite hier dient der Abstimmung mit der Kernmannschaft, die hinter Borisherrmannracing und unserem Barcelona World Race-Projekt steht. Spannende Treffen, Workshops – natürlich auch schon hinsichtlich der Vendee Globe Pläne – und einige Medien-Termine haben uns mächtig auf Trab gehalten diese Woche. Doch daran führte einfach kein Weg vorbei: Alle 4 Stunden das Blackberry-App zur Route du Rhum zum letzten Rennstand zu konsultieren …

Übrigens: Der Deutsche Jörg Riechers auf mare.de liegt exzellent im Rennen und hat Chancen auf einen Podiumsplatz. Also dranbleiben! Die Route du Rhum verspricht noch viel Spannung und sicher einige Dramen!

http://www.routedurhum-labanquepostale.com

Liebe Grüße, schönen Start in die Woche! Auch Ihnen Ihr Erfolgserlebnis und immer wieder ein schönes Siegerlächeln!

Boris

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10 minutes to the start

10 minutes to the start. Fresh cold breeze, a grey sky, helicopters. Current, old swell and waves of hundreds of yachts, ferries and spectator boats have created a boiling sea. Veolia Environement heads downwind under full main towards the line. The start will be downwind and the first leg towards Cap Frehel will be a close reach, something between big kite and gennaker if the wind stays like this. Foncia and Virbac have their kites ready, DCNS is hard to see and the rest of the IMOCA open60 fleet have their furling gennakers up. Three ribs escort Veolia on her way through the chaos in a formation, one to starboard, one to port and one on the centre line a bit behind.

Bilous complete team is either in the ribs or on board. The climax of a years’ work. All energy is dedicated to make this start beautiful and safe. I observe the scene from the port rib. Our eyes scan the scene for potential threats, we yell at some boats, we accelerate to keep up with Veolia, surf down the waves and we decelerate to not nosedive in the chaotic sea.

4:30 minutes. The spinnaker hits the mast head, still in his socket. The starboard rib jumps up and down alongside Veolia and everybody jumps in the rib. Loud sheering from the ribs for some seconds. He sets the pilot, checks the timing, has a quick look around, then runs to the foredeck to pull up the spinnaker socket. But the socket is stuck. Everybody stares at Bilou fighting with the socket-line. He stays calm, pulls and pulls again. But the time is ticking down, Virbac and some others are dragging away under full sails. Panic in the team members’ eyes. With one loud shout Bilou releases all energy and manages to get the dam sock up finally, runs to the cockpit and grinds the sheet in, Veolia heels over, full throttle for the rib engines and off we go. Bilou crosses the line, a bit behind but we feel the anger. He is furious and ready to fight back. A loud collective hurrah-screaming and cheering from the three ribs. He turns around for a last time and then never looks back.

see the video here (In this video you see people standing on the shore holding a banner saying ” SEULE LA VICTOIRE EST JOLIE” they refer to this book, written by French sailing personality Michel Malinovsky who became second behind Mike Birch 1978 with only 98 seconds.)

Tonight, Bilou is in second place!! More RdR-news here: http://www.routedurhum-labanquepostale.com

tomorrow we will have a look at the class40 fleet and the only German entry in the race…

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Kick ass.

We got stuck in the traffic again today, when driving into Saint Malo. Signs suggest to park outside the city and to proceed by bus to the race village. Exited crowds everywhere, excited to see the spectacle, the huge boats, the stars. Me too. Of course my star is Bilou. I hope he wins this race for our team. Bilou is famous and the previous winner in the IMOCA class. But what about the stars unknown to the crowds on the street?

For example Conrad Colman, a young New Zealander, first in his nation to enter the Route du Rhum: He represents for me a lot of what this all is about. For whatever reason this whole offshore racing thing becomes an obsession and someone like him goes to the other end of the world to do it, to create a project, a career, raise the famous budget and move forward day by day. The risks you take are more than financial. You invest your life with everything.

I am not a huge fan of this you-can-achieve-everything-you-want-myth but it’s probably exactly this, what drove me and some others like Conrad beyond the boundaries of our national sailing horizons. Even having grown up with sailing and seen various racing and cruising wherever, building a project for the Rhum, the Vendee, the Artemis-Transat etc. really challenges this inherent dream of our capitalist society: “You can do it” – (if you work hard enough).

How great is this?, I must have asked myself maybe 15 years ago: If I just try hard enough and be strong etc. I would do the Vendee one day: this race that captured my fantasy long before I have even seen the Atlantic, been in Brittany or sailed on an Open60.

Pete Goss’s story really inspired me in this regard: Apparently he had started his Vendee project by riding his bike through the countryside somewhere in southern England to visit potential sponsors, dressing himself up in the car park each time. He then rescued Frenchmen Raphael Dinelli during the Vendee Globe. I forgot if he got entitled as Sir by the Queen or received the Legion d`Honneur or both but that’s not the point. I read his story as my you-can-do-it-parable in his excellent book “close to the wind”.

But what about failing? Pete Goss’ catamaran Teamphilips broke, failed. Skippers have been thrown into gale indebted, have lost their house, wife etc. or not even made it to a first try. For everyone who gets as far as Conrad there are thousands seriously obsessed dreaming and hundreds trying. Being at the start line with a well prepared boat and skipper is always a victory in itself.

So here we are now celebrating ´this huge number of projects and skippers who have made it thanks to their persistence, their sponsors, teams and friends.

Tonight I am excited even though I am not starting myself; excited and curious to see them start tomorrow; to see how they do, Bilou, Conrad and Pete and many others… if they can do it.

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Route du Rhum Teil 1

Sonntag startet die Route du Rhum, das prestigeträchtigste Transatlantikrennen überhaupt, das drittgrößte Sportereignis in Frankreich nach der Fußball WM und den olympischen Spielen und neben dem harten Vendee Globe das Wimbleton des Einhandseglens – Einhand von Saint Malo nach Gouadloupe.

Ich bin seit gestern Abend vor Ort und berichte euch „en direct“ in mehreren Episoden über die nächsten Tage von diesem Ereignis. Also neben der Meisterschaft der Meister und Messe klickt euch in meinen Blog und lest und lest weiter auf der Seite der Veranstalter und den Seiten der Teams!

In Deutschland richtet die Szene ihre Blicke auf Hamburg: ein kleines Branchentreffen, die um Besucher kämpfende Messe, die neidisch wäre auf die Zahlen hier. Leute, holt einmal tief Luft und stellt euch vor, die Alster würde bis zum Horizont reichen, das Business in unserem Sport Bürgermeister und Parteien in Wallungen bringen, der Andrang zum Treffen der Giganten die Straßen um die Alster verstopfen. Giganten, Legenden, Stars, Helden: Wolfgang Hunger 15 Minuten live im Interview direkt vor der Tagesschau?

Hier und heute ist genau das Realität. Gestern stehe ich drei Stunden im Stau auf dem Weg nach Saint Malo, im Stau des Besucherandrangs. Ein Stau auf der Autobahn… und höre auf France Inter über 40 Minuten lang, Stimmen, die mir so vertraut sind, wie die von Hunger: Michel Desjoyeaux, Roland Jourdain, Franck Cammas, Thomas Coville. Journalisten im Interview als Komplizen unseres Sports; mit Elan missionieren sie die Massen: „Was ist das? Dieses Phänomen Route du Rhum? Einhandsegeln? Warum, wie und wieso?

Camas spielt den Star und bedankt sich beim Volk, Coville ist der Gentleman und huldigt seinen Konkurrenten, Jourdain wirkt leicht, flüssig, natürlich und überzeugend. Er ist ein genialer Redner. Desjoyeaux ringt sich etwas mehr, etwas ab, was nicht schlecht ist: „Unser Sport ist zu einem Beruf geworden, die Passion ist geblieben. Wir ernähren mit Jedem Projekt bis zu 50 Familien direkt und weiß Gott wie viele indirekt. Ich sehe das Funkeln in den Schulkindern, die heute bei mir an Bord waren, wir regen die  Leute zum Träumen an, fördert die Region und schafft ein Ereignis, ein Ereignis, dass die Fantasie beflügelt, der maritimen Geschichte St Malos und Frnkreichs und Europas huldigt…“

Was ich hier entdecke: Einen Ausdruck, eine Manifestation von Ambition und Talent, Ehrgeiz, Mut und Energie. Ihr seht die Passion durch meine Zeilen strahlen. Ich hätte gestern noch nicht gewusst, wie mich emotional zur Route du Rhum zu äußern angebracht wäre aber diese paar Stunden eintauchen zwischen die Menschen, die hinter diesen Projekten stehen, hat mich bereits gepackt, die Stimmung scheint hier allgemein um sich zu greifen, die Autos rollen langsam in Kolonnen in die Stadt, die Menschen scheinen von einer feierlichen Erwartung vor der Sonntagsmesse erfasst zu sein. St Malo strahlt.

Was ist St Malo? Eine Stadt natürlich. Heute Morgen ist es für mich eine frische Entdeckung und sofort ein Mythos. Etwa ein magischer Ort?*

Fakten: Seit 32 Jahren, ältestes franz Transat, das prestigeträchtigste. Das größte: 45 Class40s. Mega Multihulls, Multi50s, IMOCA Open60s, und eine sagen wir mal „Sammelklasse“ für alle alten und nicht passenden Boote, die Lumpensammler. 2006 haben die eifrigen Damen der Organisation „Pen Duick“ 1,5 Mio Besucher in 10 Tagen auf den 7000 Quadratmetern Racevillage, 250.000 Zuschauer (Gewerkschafter zucken vor Zorn zusammen, dass dieses Wochenende nur noch 30.000 Leute zu den Demos kommen) am Ufer beim Start gezählt und 1000 akkreditierte Journalisten haben 88 TV Stunden, 5200 Artikel und 60 Radiostunden produziert. Alle großen Kanäle 13 Uhr 02 Minuten 00 Sekunden. Top. Start. Die schönste Teilnehmerin: Eine gewisse Servanne Escoffier

*Manu und ich joggen eine gute Stunde in vollem Tempo um die Altstadt: Blicke von steilen Klippen ins Meer, über windzerzauste Buchten zu anderen Stadtteilen, den Augen schmeicheln bourgeoise Häuser aus mittelalterlichem Granit. Bald oder an anderer Stelle mehr über Saint Malo.

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Puzzle to go und Café au lait

Kielhydraulikzylinder, Hydrogeneratoren, Autopilothydraulikpumpen, Pilot-Prozessor, Kiel-Achsen, Ruder, Ruderlager, Lümmelbeschlag, Segel, Tauwerk …

Ziemlich fleißig geht es dieser Tage bei uns zu. Ich kümmere mich überwiegend um Elektronik, war den Vormittag heute bei NKE, aber stündlich wandern Teile unseres Schiffes in den Händen von Jean-Pierre, Philoun, Ludo, Yann, Luis, Thomas und Ryan über den Steg zum oder vom Boot Richtung Halle. Die Kielzylinder fahren vormittags im Kairos Van, dessen Seiten von einem riesigen Foto unseres Schiffes bedeckt sind, nach Brest zur Radiographie, sind abends wieder eingebaut; die Kielachsen nach Lorient zum Vermessen, ich düse ab nach Hennebont mit Prozessor und einigen Interfaces im Rucksack.

Der NKE Ingenieur (NKE ist der Hersteller unserer Bordelektronik) hat es eilig: Mittags muss er auf Michel Desjoyeauxs` Foncia sein. Bis dahin will er versuchen, meinem Problem auf die Schliche zu kommen, denn das gleiche System steckt in Foncia (und wir sind die einzigen beiden Schiffe, die überhaupt mit diesem System segeln); er will das System stabil haben, bis die Route du Rhum in 2 Wochen startet. Mails gehen nach Paris zu den Entwicklern des Kompasses, wir dekomprimieren die Datalogs unserer Trainingsregatta und wühlen uns gemeinsam durch ein Excelschlachtfeld. Sein Schreibtisch – voller Oszillographen, blinkender Dioden, Lötkolben, Platinen und Bootsteilen. Ich bin zufrieden mit unserem Vorankommen und unserer Diskussion. Wir arbeiten Hand in Hand. Er braucht eine genaue Beschreibung der Situationen, in denen wir Probleme hatten. Ich nutze meine Notizen. Erschöpft verlasse ich die Entwicklerbüros am Ende des Vormittags. In der Eingangshalle bleibe ich kurz vor einem Modell unseres Schiffes stehen, erfreut es dort zu entdecken, etwas stolz aber eilig, wieder nach Concarneau zu kommen. Eilig? Nicht dieser Tage in Frankreich. Eine Demo versperrt die Autobahn. Zwei Stunden zuckel ich durch pittoreske Dörfer und über verstopfte Landstraßen.

Am Nachmittag sind der Pilotprozessor und die anderen Teile wieder eingebaut. Ich installiere neue Kalibrierungssoftware und gebe die Boots-Parameter ein: Ip Adresse, Baudrate unserer GPS, Typ der Mastrotationssensoren, NMEA Kennzahlen usw. Einige neue Funktionen sind vielversprechend, der Prozessor kann nun eigenständig den Typen des verwendeten Kompasses erkennen. Im Falle einer Panne kann ich also einfach umstöpseln und muss nicht mehr komplizierte Einstellungen von Baudraten und Bus-Kanälen vornehmen. Ein neuer Wert wird jetzt in den Instrumenten angezeigt, die magnetische Norm: ein Qualitätsmaßstab für die Konsistenz der magnetischen Messwerte.

Doch wer arbeitet, muss auch feiern können; das haben wir uns nach der erfolgreichen Testregatta verdient. Freitagnachmittag gerade in Concarneau festgemacht, saß ich zwei Stunden später mit Freunden im Auto nach Paris zu einem Wochenende außerhalb der Segelwelt. Ecole des Beaux Arts, Ted Konferenz (www.ted.com), Louvre, WG-Party und Zug durch ein paar Bars: Wiederauftanken mit geistiger Anregung und inspiriertem Austausch nach 7 Tagen Amwindsegeln im grauen Atlantik. Ein genialer Kontrast: Mittags noch starre ich fasziniert durch den Dunst zu Jean Le Cams neuem Open60, der uns in der Bucht von Concarneau entgegenkommt (wird als „le President“ (Käse-, oder Keksemarke oder so was) am Barcelona Rennen teilnehmen), jetzt rattert die Metro in die Station und ich starre etwas ungläubig in die Gegend.

Mit einer FAZ unterm Arm und einem großen Café au lait to go starte ich in ein quirliges Gewirr, in mein zweites WE dieses Jahr, an dem ich nicht nah beim Schiff bin, ein lebensrettendes, gutes Wochenende.

Die Pariser WG-Truppe kommt heute zum Gegenbesuch, ein Startup-Typ, ein Landwirt, ein Agronom, ein Berater. Der bretonischen Tradition nach pflücken sie Champignons in den Wäldern am Wegrand auf der Fahrt hierher, der Landwirt hat eine Gans dabei, sie zaubern ein hervorragendes Dinner. Morgen, wenn ich mich wieder mit Kabelage und Ersatzteilen beschäftige, geht’s für sie weiter nach La Torche, hier um die Ecke zum Wellenreiten oder zum Point du Raz zum Apnetauchen. Wenn ich Glück habe, kommen sie abends wieder mit harpunierten Fischen. Die Bretagne ist für mich längst zur Liebesgeschichte geworden. Die Bretagne, heute ganz im Zeichen der Route du Rhum (mehr als im Zeichen des Streiks); Poster an Litfasssäulen und Plakatwänden, Fernsehwerbung, emsiges Treiben in Lorient, Concarneau, Port la Foret bei den Segelteams. Ryan ist heute mit Bilou unserem Boss – Roland Jourdain – zum letzten Training draußen gewesen, sie haben unseren Spinnaker getestet. Abends stehen wir zu dritt auf dem Steg und fachsimpeln (Das Foto zeigt die gleiche typische Situation vor ein paar Monaten). Wir fachsimpeln über die Luvkurve der neuen Spinnakergeneration. Doch keiner gerät dabei aus dem Häuschen oder in größere Passionswallungen. Wir wollen uns austauschen und abstimmen aber innerlich sind wir drei schon gestartet, Bilou in St Malo, wir in Barcelona und ich bin vielleicht noch halb in meinem Pariser Straßenkaffe. Trotzdem bricht am Abend der Van wieder auf. Richtung Vannes zu North Sails. Die Luvkurve wird nachgeschneidert und abgeflacht. Es ist unser Job dieses Rennen, oft Routine in der Vorbereitung, doch nach einer erfolgreichen Generalprobe und mit frischer Inspiration läuft es einfach, läuft es rund.

Boris Herrmann | Create Your Badge

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Die Trainingsregatta

Ryan am Grinder, raue See

Eine Woche sind wir nun auf See. Eine harte, denkwürdige, unvergessliche Woche. Eine gute Woche, weil wir uns im Trainingsrennen achtbar geschlagen haben: Erste in Gibraltar (Start war am 4. Oktober in Barcelona) und Zweite vor dem Abbruch der Regatta Samstagmorgen mangels „Hinterbliebener“ (nur noch 3 von 7 Startern im Rennen) nahe der Kanaren. Außerdem heute 13 Seemeilen in Führung liegend bei unserem Matchrace nach Norden. Über Satellitentelefon haben wir uns mit dem Konkurrenten “Movistar” abgestimmt, die Heimreise als Rennen zu gestalten.

„So kann es auf See also sein“, erinnere ich mich. Ich habe Tage, wie die vergangenen schon erlebt – besonders bei unserem Schwerwettertraining auf der winterlichen Nordsee, als ich für Logemann-Yachting gearbeitet habe. Eine Front, die durchzieht und dann weg ist, ist ja eine Sache, aber diese letzten Stunden und Tage waren wie eine permanente Front. Schauerböe nach Schauerböe, bis zu 48 Knoten. Nach der ersten Frontpassage und unserer Wende mit dem Rechtsdreher wissen wir nicht, wohin wir steuern sollen. Wir rumpeln derart fies gegen die jetzt genau von vorne kommende Welle, dass wir akute Angst um Rigg, Kiel und Schiff haben. Wir versuchen langsam zu segeln, das Schiff absichtlich zu krängen und füllen beide Frontballasttanks, steuern von Hand durch die graue Wüste chaotischer Wellen. Doch trotz allem gibt es immer wieder markerschütternde Schläge. Ich resigniere innerlich etwas. Weiß auch nicht weiter. Irgendwann ist das vorbei und wir haben einen neuen Kampfgegner: eine riesige, schnell laufende Dünung von Westen, die jedes normale Segeln abermals unmöglich macht. Beim seitlichen Anstieg auf einen Wellenkamm schlägt die Fock back und wir taumeln nach Luv. Auf dem Wellenkamm packt uns der kräftige ungebremste Wind und schmeißt uns auf die Seite. Stunde um Stunde sitzen wir am Ruder. Dazu kommen die Schauerböen. Es
war gerade eine Weile schwächer und wir sehen uns gezwungen auszureffen, um nicht unkontrolliert in der Dünung umherzuschwanken, sind gerade halb im zweiten Reff keuchend am Grinden, da trifft uns wieder eine Böe. Unvermittelt und nicht vorhersehbar. Einfach so aus dem grauen Himmel. In der Nacht vor dieser war ich schon platt, in den darauf folgenden Tagen habe ich mehrere Stadien von Erschöpfung erlebt, mich gezwungen etwas zu essen, um wieder zu Kräften zu kommen, mich irgendwann an die Verhältnisse gewöhnt. Eine Woche permanentes Grinden und Umherwuchten von Segelsäcken. Finger und Hände geschwollen, salzig und bereit für das nächste Segelmanöver, das nächste Level, Anstrengung existiert nicht mehr. Empfindungen abgestreift, wir “funktionieren”.

Ein riesiges Tief hat diese Woche geprägt, den erwarteten Passatwind abgewürgt und uns diese Fisitäten, die Nässe bis in die Pupille, das unendliche Grau und diese kaputte See beschert. Ich erinnere mich nicht, auf einem Satellitenbild oder einer Wetterkarte jemals so einen riesigen Zyklon gesehen zu haben, eine solch riesige Spirale, die sich von Nordeuropa bis Nordafrika erstreckt. Gestern, auf dem Weg nach Norden die letzte pikante Kostprobe: Wir wähnen uns in einer konstanten Wettersituation; unsere Gribfiles – also die elektronischen Vorhersagedaten – stimmen exakt mit der
Realität überein, wir segeln mit einem Schrick nach Nordost und warten auf einen
Winddreher, um dann zu wenden. Der Winddreher kommt nicht wie vorhergesagt
mit einer stetigen Windabnahme, sondern mit einem plötzlichen Sturm. Aus 24
Knoten werden in Minuten 30 – und einen Moment später sehen wir 45 Knoten Wind
auf den Instrumenten. Unsere unglaublich steife Open60-Yacht hält Kurs, trotz 40 Grad Lage, schießt mit 22 Knoten nach vorne, gräbt den von Wasserballast schweren Bug in die graue See und beschießt das Cockpit mit einem Wasserfall. Erschrocken verharren wir einige Minuten unter unserem Kajütdachüberhang. Die Hinterkante des Kajütdachs sieht im Schein der Stirnlampen aus wie die Abrisskante eines Yachthecks. Wasser schießt
horizontal nach hinten. Den Kopf hochzurecken, um nach vorne zu schauen, wäre eine ebenso absurde Idee, wie bei voller Fahrt den Kopf am Heck unter Wasser zu stecken, um nach vorne Ausschau zu halten. Es ist schwer, unter einem Wasserfall heraus etwas zu sehen oder die Lage einzuschätzen. Die Krängung der Yacht kann man nur erahnen. Ich hab die Großschot in der Hand, Ryan den Traveller, beides gefiert, aber wir können nicht sehen, wie das Groß steht. Wir haben Angst es zu weit zu fieren, so dass die Latten gegen
die Wanten drücken und dann die Mastschiene aus dem Mast hebeln könnten. Einen Moment hoffen wir einfach, dass es vorbeigehen möge – aber es nimmt eher zu. Also raus aus der Deckung: Reffen! Es haut mir die Stirnlampe vom Kopf, Wasser knallt in die Ohren, in die Augen. Ein Mechanismus aus Handgriffen spult sich im Zeitraffer ab. Das Groß zerrt wie ein wild gewordenes Pferdegespann an seien Mastrutschern. Unser Adrenalin entlädt sich am Grinder. Wir kurbeln gemeinsam an der roten Reffleine, abermals, vielleicht zum zwanzigsten mal in den letzten 30 Stunden. Die Zeit steht still, während mein Körper als Winschmotor arbeitet, fliegen mir absurde Gedanken durch den Kopf, wie in einem Traum: Das Farbschema unserer Reffleinen ist wie ein fiktives Parteiensystem im zukünftigen Deutschland, fantasiere ich: Erstes Reff: Grün, zweites Reff: Gelb, drittes Reff: rot. Derart aufgeladene Farben machen Verwechslung
unmöglich. Die eingetakelte Markierung auf der Reffleine kommt in den Lichtkegel der Pianobeleuchtung. Piano nennen wir die zentrale Anordnung im Cockpit, wo alle Fallen und Strecker ankommen. Ryan klettert nach vorne, um das Cunningham einzuhaken. Wenn er jetzt über Bord gehen würde, wäre ich außer Stande ihn zu bergen, denke ich. Die Situation ist unter Kontrolle aber der Stress noch nicht zu Ende. Die Böe mit ihrem Winddreher hat uns mit einem Verkehrstrennungsgebiet voller Frachtschiffe auf Kollisionskurs gebracht, das ich hoffte, im Norden zu passieren. Noch eine halbe Stunde
bleibt uns, bis wir einer Armada von Frachtern vor den Bug laufen. So viel Zeit etwa, wie wir für eine Wende unter diesen Bedingungen brauchen. Im ersten Moment frage ich mich, ob wir bei dem Wind überhaupt wenden können. Dann kommt auch noch ein Tanker genau auf uns zu, außerhalb des Verkehrstrennungsgebietes. Ich funke ihn an. Am Bildschirm kann ich sein AIS-Signal sehen, seinen Namen und dass er schon viel zu nahe ist. Der Tanker antwortet sofort und sagt, er würde vor uns passieren. Doch das passt nicht, das kann ich sehen. Dafür ist er zu langsam und wir zu schnell. Ich fauche
den Mann am anderen Ende des UKWs auf Englisch an, überrascht über den Zorn

in meiner Stimme: Er solle seinen Kurs 90 Grad nach Backbord ändern, wir seien ein Segelschiff, hätten Wegerecht, ob er das Verstanden hätte („Do you copy? Over.“). Ein beschwichtigendes: „Jaja, ich habe verstanden“ kommt zurück. Ich stürze nach draußen und sehe, wie der Riese abdreht, 90 Grad nach Backbord, und kurz hinter uns durchgeht. Uff. Jetzt noch 25 Minuten bis zur Gefahrenzone. Wir haben noch unseren Segelstack auf der hohen Kante. Im Eiltempo lösen wir die Gurtratschen und zerren die drei jeweils 70 Kilo schweren Segel ins Cockpit, dann durchs Schiff ganz nach vorne nach Lee,
Laden die drei Spinnacker und die übrigen Segel oben auf und ziehen die Taljen fest, mit denen die Segel nach der Wende auf dem anderen Bug in Luv gehalten werden. Ein unmöglicher Kraftakt bei diesen Bedingungen. Etwa so, wie Paletten umzuwuchten im Laderaums eines LKWs der über eine Rallyepiste heizt. Wir transferieren den Wasserballast, bereiten das neue Backstag vor, öffnen die Mastrotation, senken das neue Schwert, winschen es bis zum Anschlag nach unten, bereiten die leeseitige Travellerleine vor, fieren die Großschot etwas, klarieren die Stagsegelschoten, ein kurzes Nicken
beider Stirnlampen gibt das Kommando. Sobald ich einmal auf den Knopf gedrückt habe, um das Ventil für den Schwenkkiel zu öffnen, muss die Wende klappen – sonst liegen wir auf der Backe. Ich drücke den blauen Knopf „Release“, dann den Autopilotenbefehl zur Wende, doch der Pilot reagiert nicht. Gerade noch können wir das Manöver abbrechen, alle Schoten etwas fieren, schnell zur Pinne springen und von Hand steuern. Wir stehen fast. Ryan ruft mir zu: „Go now!“. Ich bin skeptisch, aber drücke die Pinne weg.
Unser Schiff geht durch den Wind. Alles Gut, geschafft, wir sind erleichtert. „Good job“. Ein kurzer verbaler Händedruck. Gischt peitscht durchs Scheinwerferlicht auf dem Vordeck, erst jetzt spüre ich, wie kalt sie am Hals und Nacken und Kopf sind, diese ständigen mitternächtlichen Wasserkaskaden. Doch es geht nicht richtig los, der Pilot steuert zu hoch. Wieder haste ich zur Pinne und greife ein. Beinahe hätte der Pilot uns in
den Wind gestellt und alles zunichte gemacht. Anscheinend ein Problem, das uns auch beinahe die Wende vereitelt hätte. „Reset“ der Instrumente und erneuter Versuch. Wieder geht die Yacht in den Wind. Umschalten auf den Zweitpiloten. Immer noch das gleiche Problem. Erste Vermutung: Der Steuerantrieb muss defekt sein. Doch erstmal schiebt sich eine neue Priorität in den Vordergrund. Der gleiche Frachter von vorhin ist wieder auf Kollisionskurs. Er dampft geradewegs gegen den Wind an und wir kreuzen nun wieder seine Spur. Ryan und ich brüllen uns kurz durch den Wind zu. Wir wollen den armen Offizier nicht noch einmal anfauchen, drehen ab und segeln ein oder zwei
Seemeilen halbwinds, um hinter seinem Heck durchzugehen. Ich nutze die Zeit, klettere durchs Schiff, tauche ganz nach hinten ins Heck. Eine Sekunde überlege ich, ob ich die noch blitzweiße Neutrogena Segeljacke ausziehen soll. Doch sofort kommt mir der Gedanke absurd vor. Etwas Wasser schwabbelt hier hinten umher. Ich rühre mit meiner Hand drin herum, kein Hydrauliköl. Der Motor des Piloten hat eine normale Temperatur, nichts zu sehen. Ich schraube die Schubstange vom Ruderquadranten ab und setze die Stange des Ersatzpiloten an. Ryan ist draußen am Ruder, überschüttet von Wasser. Für einen Moment hatte ich inneren Widerstand hier nach hinten ins schlagende
Schiff zu kriechen, doch nun hier, fühle ich mich geborgen, weit weg von dem Kampf an Deck. Mit der neuen Schubstange funktioniert alles wieder. Wir überlassen sie sich selbst, unsere „Veolia“ – oder „Neutrogena“, wie sie ja jetzt heißt … Wir sinken jeder in unsere Ecke und schließen die Augen. Nach einem Sekundenschlaf wache ich wieder auf.

Heute: Der erste normale Tag. „Es ist doch ganz schön, nicht die ganze Zeit völlig außer Kontrolle zu sein“, bemerkt Ryan euphorisch. Die erste Kommunikation mit der Außenwelt für mich seit einer Woche: Diese Mail. Während ich unter dem Kajütdachvorsprung hocke und über die See schaue, spüre ich dieses alte Gefühl wie früher nach Törns bei schwerem Wetter auf der Nordsee. Überstanden. Gewonnen. Matt aber lebendig und Energie kommt mit jedem Happen Essen und jeder Sekunde Schlaf zurück in den ausgelaugten Körper. Ich sinke zurück in meine geschützte Cockpitecke, warm in Ölzeug eingemummt. Ich könnte mich endlos diesem Blick hingeben über dieses
Wunderwerk aus Grautönen staunen. Grautöne, die alle einen Hauch Blau enthalten. Kraftvolle Sturmwolken und lange Dünung … Ein großer, eleganter Seevogel gleitet durch die Wellentäler. Ein kleiner Bruder der Albatrosse. Beäugt uns, fliegt nahe zum Vorstag, schwebt in unsern Abwinden eine Weile mühelos nebenher, dreht ab und fährt in seinem Tanz mit den Wellentälern fort. Da entdecke ich einen kleinen Vogel der verzweifelt hinter uns herhastet. Mit hektischem Flatterschlag. Ich beobachte den tapferen
Burschen. Er wird sowieso sterben, denke ich. Er kommt näher, gerät dann in Turbulenzen und wird wieder und wieder abgedriftet, kämpft sich wieder
heran, dicht über der Wasseroberfläche, scheint jeden Moment tot ins Meer zu
fallen. Er gibt nicht auf. Ich denke an den mühelosen Gleitflug meines kleinen Albatrosses. Der Kleine hier ist fehl am Platz, so unendlich unterlegen, kaum Chance zu überleben. Entzückt über die hartnäckige Lebensenergie des Kleinen schlafe ich ein … Als ich aufwache, sitzt er vor mir auf dem Piano, schlafend. Ich schließe die Augen und bin zufrieden mit der Welt.

Boris

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Eindrücke aus Barcelona

Unser Aufenthalt in Barcelona geht dem Ende entgegen. Für mich ist das klasse. Die Spannung steigt wieder, ich fühle mich dynamischer und energetischer als noch am vergangenen Wochenende. Barcelona war für mich natürlich eine faszinierende aber dennoch erstmal fremde Stadt, wo ich niemanden kenne und die Sprache nicht spreche. Doch heute Abend sind alle in vollem Elan und es gab das erste Skipperbriefing für das uns bevorstehende Trainingsrennen (Start, 4. Oktober, 2800 SM, 7 Teilnehmer), doch dazu später mehr.

Kurz schaue ich zurück auf die Höhepunkte der Zeit hier: Eine Handvoll Tage waren interessant, weil wir Journalisten zu Besuch hatten, eine weitere Handvoll Tage kurzweilig, da wir uns in Arbeit gestürzt haben und gestern, sowie ganz zu Beginn hatten wir intensive Fotoshootings, die mir so schnell nicht in Vergessenheit geraten werden. Auch dazu möchte ich später, wenn ich Zeit und Platz finde, meine Eindrücke preisgeben.

Für einen Stadtbesuch und das typische Touristenprogramm war Zeit, aber es sind nicht diese Art von Erfahrungen, derentwegen ich hier bin oder die mir besonders viel bedeuten würden. Dazu müsste ich vielleicht in einem anderen Kontext und mit anderen Leuten hier sein. Eine exzessive Scootertour und zwei exzessive Stadtspaziergänge haben mich zu der Erkenntnis geführt, dass man dieser Stadt eine natürliche Genialität anerkennen muss.

Wenn man von einem der hohen Berge über die Stadt Richtung Meer blickt, wird man neugierig in sie einzutauchen und wenn man dann durch die Gassen des gotischen Viertels schweift und von Flemenkogeklampfe und grinsenden Touristenmassen benebelt wird, erscheint eines deutlich: Die Touristen hier haben Klasse: sie wirken überwiegend fröhlich, nie aggressiv, jung im Durchschnitt und sie scheinen etwas vorzuhaben. Mancherorts bleibt der gemeine Tourist fast stehen bei seinem Spaziergang. In Ermangelung an Eifeltürmen und Triumphbögen gibt es in Barcelona kein Rumschleichen sondern einen beschwingten Gang durch eine der tausend Gassen in irgendeine Richtung, wahrscheinlich meist zu einer Tapsbar oder so etwas, denn eigentlich besteht die Innenstadt nur aus Bars. Bars sind fröhliche Orte und somit sind die Touristen auch gut gelaunt, nie hungrig oder erschöpft wie in Berlin, wo sie sich vielleicht durch Museen quälen mussten und der Gehweg zwischen Museum A und Museum B nicht durch Bars abgesichert wird. Außerdem ist das Klima angenehm, die Menschen müssen weder im Zug stehen, noch schwitzen. Die Preise für Bier und andere belebende Getränke sind ein Drittel von denen in Hamburg und, das ist überhaupt das Beste, man kann, anders als in Frankreich, zu jeder Tages und Nachtzeit essen. Zum Abschluss noch ein Gedanke zur Stadtplanung: Ich glaube, große Museen sollten nicht zu voll und nicht zu groß sein. Das Museum für moderne Kunst hier hat etwa soviel Exponate, wie jenes in Delmenhorst, nahe meiner Heimatstadt, also schätzungsweise 50 bis 100. Ein menschlicher Umfang, mühelos in 10 Minuten abzuschreiten. Kurzum, als Tourist bin ich von der Gefälligkeit dieser Stadt beeindruckt.

Nun bin ich ja kein Tourist, wir arbeiten hier, manchmal hart, meist etwas verbissen. Das Verbissene löst sich entweder auf See oder in einer Bar. Gestern während einer Pause des Fotoshootings zB habe ich mich kurz in die Koje gelegt und sofort ließ alle Anspannung nach. Es plätschert an der Bordwand. Das sind Geräusche meiner Kindheit, von Frieden und Vernunft, von Geborgenheit und Harmonie. Ich öffne die Augen und über der Koje kleben Blumenaufkleber und ein sehr poetischer Spruch von Roland Jourdains Frau. Ein melancholischer Gedanke an die Fragilität und Seltenheit familiären Glücks durchzuckt mich und treibt mich wieder nach oben an Deck. Es kann irgendwie hart sein, diese Arbeit, das kann an den Menschen liegen, an Unsicherheiten, an Spannungen an der gnadenlosen Programmatik. Doch wir wissen, dass es schlechtere Jobs gibt, wir wissen, dass es töricht ist, sich in dieser Lage zu grämen, dass die Leute mit dem Kopf nicken, wen wir sagen, diese Position als Privileg zu empfinden. Doch relevant für mich ist das nicht mehr, wenn es Routine wird. Es ist zu abstrakt, mir vorzuhalten, dass es sicher auf der Welt nur 100 andere Menschen gibt, die dafür bezahlt werden, als Skipper um die Welt zu segeln. Es ist mein persönliches, intimes Privileg, das zum Gipfel zu treiben, was schon als Kind mein Leben bestimmt hat. Die Momente, Passion zu spüren, sind kurz und selten, aber es gibt sie diese Sternstunden, von denen ich schon immer wusste und weiß, sie wieder erleben zu werden im Süden, unter den Tropen, im Sturm, im Geiste. Und wenn es gerade keinen Himmelssurf gibt, keine Sternenmomente an Bord, die Yacht mit dem langweiligsten an handwerklicher Fleißarbeit aufwartet, die einen studierten Ökonomen geistig zermartert, dann ist da ja noch die Bar, in handhabbarer räumlicher und zeitlicher Distanz vom Schiff. Dämmerung, rosaroter Himmel über Barcelona, die Werkzeugkiste zuschnüren, alles aufräumen, ein paar Schritte und der Abend kann es wieder richten, einen entschädigen. (Ich meine nicht die Milchbar im Fitnessstudio.)

Ich erwähnte ja schon die Journalisten. Sie helfen mir, mich an diesem Job zu erfreuen. Ich habe hier in Barcelona ein oder zwei wirklich gute Interviews erlebt. Wie ein seltenes, gutes Gespräch heitert es mich auf. Es gibt Journalisten, die sich enorm vorbereiten und einlesen, reflektieren und mit Fragen aus Deutschland anreisen, die einen nicht peinlich berühren quar ihrer Banalität, sondern inspirieren und innerlich für einen Moment befreien.

Was Fotoshootings angeht, sind dies ebenso oft erfrischende Stöße, die den grauen Nebel der Routine fortblasen. Doch in den ersten Tagen unseres Aufenthaltes hier war es eher ein hurrikanhaftes Bombardement, das Fotoshooting. Normal ist es so wie gestern: Ein dezenter, in Yachtkreisen als Star firmierender Fotograf kommt höflich an Bord, um mit wenig Worten und Aufsehen sein Handwerk in zwei Stunden zu erledigen. Anschließend dirigiert er einen Hubschrauber zu unserer Position, fliegt ein paarmal um uns herum, hoovert etwas neben uns her, wenn wir endlich unseren Spinnaker zum stehen gebracht haben und am nächsten Tag gibt es eine Bank gestochen scharfer, augenfälliger Bilder. Ein Glücksmoment für uns.

Nun zum Shooting, dass wir hier kurz nach unserer Ankunft erleben durften: Etwas für mich Neues im Yachtsport: Künstlerische Werbefotografie. Das Barcelona World Race will sich vermarkten, zB mit großformatigen Bildern an Bürogebäuden, Litfasssäulen oder Bussen. Eine Werbeagentur hat einen Produzenten beauftragt, der einen Art Director beauftragt hat, der Wiederum einen Künstler und Maler engagiert, um Szenen und Bilder vorzuzeichnen. Wir werden angerufen, sollen unser Boot für ein kurzes Fotoshooting zur Verfügung stellen, vertäuen uns brav vor dem Ort des Geschehens, der wie ein Drehset in Hollywood aussieht mit einer 6 mal 6 Meter großen Leinwand, die wie ich lerne als Blitz dient und etwa 40 Leuten, die aufgeregt lastwagenweise Material hin und herschleppen. Kurzum, Ryan und ich werden in Ölzeug auf dem Vorschiff platziert und von einem Wasserwerferboot mit Feuerwehschläuchen beschossen. Nach 4 Stunden ist das Fotokonzept von Seite 12 aus dem Sketchbuch realisiert. Die Bilder haben wir natürlich noch nicht zu Gesicht bekommen, wir brauchten zwei Tage, um uns vom Staunen wieder zu erholen und um zu trocknen.

Genug für heute, liebe Leser. Demjenigen, der bis hier gelesen hat, gilt mein Dank und meine Bitte um Nachsicht für Ausschweife. Der nächste Blog wird sehr sachlich, das verspreche ich.

Herzlichst und alles Gute

Boris

PS: die Bilder in diesem Blog sind brandneu, von dem beschriebenen, gestrigen Shooting. Ich fühle mich dem Fotografen Nico Martinez, natürlich unserem gesamten Team und unserem Sponsor Neutrogena zu großem Dank verpflichtet. Es kann losgehen.

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Wie wir in Barcelona ankommen

Im Morgengrauen gegen 5 Uhr übergebe ich Ryan die Wache und hole mir den Rest meiner Schlafration. Es ist extrem Leichtwindig, als ich wieder auf die Brücke komme und Ryan sich noch einmal kurz hinlegt. Eine Stunde rühren wir uns kaum vom Fleck in drückender Hitze, bis sich endlich die ersten Windstriche mit dunklem Kräuseln voraus auf dem Wasser andeuten. Gegen Mittag laufen wir unter Code0 und raumem Wind direkten Kurs auf Barcelona. Noch 60 Seemeilen. Wir sind beide gut drauf, debriefen unsere 7-tägige Überführungsfahrt von Concarneau.

Mitunter zaghaft werden die Sätze gesprochen und die Worte genau gewählt, wenn wir unsere eigenen Leistungen einschätzen. Ryan plädiert für kompromisslose Stringenz in der Handhabung des Bootes, ich selber versuche überzogene Erwartungen an das Rennen zu verhindern und meine Bedenken richten sich eher auf einen effizienten, energiesparenden Segelstiel. Unsere unterschwelligen Bemerkungen beziehen sich unausgesprochen auf das Thema „Genuabergen“. Natürlich bedeutet eine aufgerollte Genua Gewicht an der falschen Stelle und Windwiderstand. Insbsondere raumschots bei leichten Winden ist das aber marginal und das Segel wiegt immerhin soviel wie ich selbst. Wir einigen uns auf eine Art Motto: Wir wollen am Ende des Barcelona World Races sagen können, in jedem Moment alles getan und das Potential unseres Schiffes voll genutzt zu haben.

Der Wind nimmt zu und raumt. Wir setzen gemeinsam den großen Spinnaker. Ein kleiner Grindmarathon unter stechender Sonne, um die 60 Meter das doppelt geschorenen Falls durch eine der Winschen zu zerren. Stets unter Autopilot segelt unser Open60 nun munter den letzten Meilen entgegen. Wir beide räumen drinnen auf und gehen dabei ein bisschen Inventur durch, um noch Material zu finden, dass wir aus unserem Sortiment an Ausrüstungsgegenständen verbannen können. Eine kleine Tasche ist am Ende von 2 weiteren Stunden Diskussion über Eventualitäten und Notwendigkeiten hinsichtlich Ersatzteilen mit einigem Ausschuss angefüllt. Doch nun ist es wirklich nicht mehr nötig, sich die Zeit zu vertreiben. Die Flaute ist endlich vorbei und wir können weiter abfallen, die Schoten fieren und den Autopiloten scharf stellen. Zwischen 16 und 18 Knoten laufen wir jetzt plötzlich in dem sprunghaft aufgefrischten Wind und überraschen unsere Shorecrew mit einem frühen Anruf. Land kommt in Sicht, ankernde Frachtschiffe und plötzlich geht alles sehr schnell, sehr routiniert. Viele kraftvolle Handgriffe und der Spinnaker verschwindet in seinem Sack unter Deck, das Großfall wird ausgehakt, die Großschot vorbereitet, das Schiff in den Wind gedreht, vom Schlauchboot steigt Yann über und während wir unter Autopiloten gegen den Wind motoren und ich das Fall fiere, helfen Ryan und Yann dem Segel in die Lazyjacks. Gischt sprüht über Deck, der Hafen ist von Wind zerzaust, mit großer Mühe dreht sich das Schiff unter voller Maschinenkraft langsam in seine Parkposition im Zentrum von Barcelona. Die schwere Genua wird vorerst ein letztes Mal geborgen, verschwindet in ihrem Sack unter Deck, Ryan grinst, es gibt ein Estrella Damm, ein kurzes, trockenes Hallo vom Boatcaptain und das wars. Wir sind da. Ein warmer und windiger Sonnenuntergang hüllt die Stadt in bezaubernde Atmosphäre. Es ist stets faszinierend, von See kommend in einer Großstadt festzumachen. Mit einem Open60 in Barcelona anzukommen, ist in diesem Sinne keine Ausnahme.

Liebe Grüße
Boris

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