Eindrücke aus Barcelona

Unser Aufenthalt in Barcelona geht dem Ende entgegen. Für mich ist das klasse. Die Spannung steigt wieder, ich fühle mich dynamischer und energetischer als noch am vergangenen Wochenende. Barcelona war für mich natürlich eine faszinierende aber dennoch erstmal fremde Stadt, wo ich niemanden kenne und die Sprache nicht spreche. Doch heute Abend sind alle in vollem Elan und es gab das erste Skipperbriefing für das uns bevorstehende Trainingsrennen (Start, 4. Oktober, 2800 SM, 7 Teilnehmer), doch dazu später mehr.

Kurz schaue ich zurück auf die Höhepunkte der Zeit hier: Eine Handvoll Tage waren interessant, weil wir Journalisten zu Besuch hatten, eine weitere Handvoll Tage kurzweilig, da wir uns in Arbeit gestürzt haben und gestern, sowie ganz zu Beginn hatten wir intensive Fotoshootings, die mir so schnell nicht in Vergessenheit geraten werden. Auch dazu möchte ich später, wenn ich Zeit und Platz finde, meine Eindrücke preisgeben.

Für einen Stadtbesuch und das typische Touristenprogramm war Zeit, aber es sind nicht diese Art von Erfahrungen, derentwegen ich hier bin oder die mir besonders viel bedeuten würden. Dazu müsste ich vielleicht in einem anderen Kontext und mit anderen Leuten hier sein. Eine exzessive Scootertour und zwei exzessive Stadtspaziergänge haben mich zu der Erkenntnis geführt, dass man dieser Stadt eine natürliche Genialität anerkennen muss.

Wenn man von einem der hohen Berge über die Stadt Richtung Meer blickt, wird man neugierig in sie einzutauchen und wenn man dann durch die Gassen des gotischen Viertels schweift und von Flemenkogeklampfe und grinsenden Touristenmassen benebelt wird, erscheint eines deutlich: Die Touristen hier haben Klasse: sie wirken überwiegend fröhlich, nie aggressiv, jung im Durchschnitt und sie scheinen etwas vorzuhaben. Mancherorts bleibt der gemeine Tourist fast stehen bei seinem Spaziergang. In Ermangelung an Eifeltürmen und Triumphbögen gibt es in Barcelona kein Rumschleichen sondern einen beschwingten Gang durch eine der tausend Gassen in irgendeine Richtung, wahrscheinlich meist zu einer Tapsbar oder so etwas, denn eigentlich besteht die Innenstadt nur aus Bars. Bars sind fröhliche Orte und somit sind die Touristen auch gut gelaunt, nie hungrig oder erschöpft wie in Berlin, wo sie sich vielleicht durch Museen quälen mussten und der Gehweg zwischen Museum A und Museum B nicht durch Bars abgesichert wird. Außerdem ist das Klima angenehm, die Menschen müssen weder im Zug stehen, noch schwitzen. Die Preise für Bier und andere belebende Getränke sind ein Drittel von denen in Hamburg und, das ist überhaupt das Beste, man kann, anders als in Frankreich, zu jeder Tages und Nachtzeit essen. Zum Abschluss noch ein Gedanke zur Stadtplanung: Ich glaube, große Museen sollten nicht zu voll und nicht zu groß sein. Das Museum für moderne Kunst hier hat etwa soviel Exponate, wie jenes in Delmenhorst, nahe meiner Heimatstadt, also schätzungsweise 50 bis 100. Ein menschlicher Umfang, mühelos in 10 Minuten abzuschreiten. Kurzum, als Tourist bin ich von der Gefälligkeit dieser Stadt beeindruckt.

Nun bin ich ja kein Tourist, wir arbeiten hier, manchmal hart, meist etwas verbissen. Das Verbissene löst sich entweder auf See oder in einer Bar. Gestern während einer Pause des Fotoshootings zB habe ich mich kurz in die Koje gelegt und sofort ließ alle Anspannung nach. Es plätschert an der Bordwand. Das sind Geräusche meiner Kindheit, von Frieden und Vernunft, von Geborgenheit und Harmonie. Ich öffne die Augen und über der Koje kleben Blumenaufkleber und ein sehr poetischer Spruch von Roland Jourdains Frau. Ein melancholischer Gedanke an die Fragilität und Seltenheit familiären Glücks durchzuckt mich und treibt mich wieder nach oben an Deck. Es kann irgendwie hart sein, diese Arbeit, das kann an den Menschen liegen, an Unsicherheiten, an Spannungen an der gnadenlosen Programmatik. Doch wir wissen, dass es schlechtere Jobs gibt, wir wissen, dass es töricht ist, sich in dieser Lage zu grämen, dass die Leute mit dem Kopf nicken, wen wir sagen, diese Position als Privileg zu empfinden. Doch relevant für mich ist das nicht mehr, wenn es Routine wird. Es ist zu abstrakt, mir vorzuhalten, dass es sicher auf der Welt nur 100 andere Menschen gibt, die dafür bezahlt werden, als Skipper um die Welt zu segeln. Es ist mein persönliches, intimes Privileg, das zum Gipfel zu treiben, was schon als Kind mein Leben bestimmt hat. Die Momente, Passion zu spüren, sind kurz und selten, aber es gibt sie diese Sternstunden, von denen ich schon immer wusste und weiß, sie wieder erleben zu werden im Süden, unter den Tropen, im Sturm, im Geiste. Und wenn es gerade keinen Himmelssurf gibt, keine Sternenmomente an Bord, die Yacht mit dem langweiligsten an handwerklicher Fleißarbeit aufwartet, die einen studierten Ökonomen geistig zermartert, dann ist da ja noch die Bar, in handhabbarer räumlicher und zeitlicher Distanz vom Schiff. Dämmerung, rosaroter Himmel über Barcelona, die Werkzeugkiste zuschnüren, alles aufräumen, ein paar Schritte und der Abend kann es wieder richten, einen entschädigen. (Ich meine nicht die Milchbar im Fitnessstudio.)

Ich erwähnte ja schon die Journalisten. Sie helfen mir, mich an diesem Job zu erfreuen. Ich habe hier in Barcelona ein oder zwei wirklich gute Interviews erlebt. Wie ein seltenes, gutes Gespräch heitert es mich auf. Es gibt Journalisten, die sich enorm vorbereiten und einlesen, reflektieren und mit Fragen aus Deutschland anreisen, die einen nicht peinlich berühren quar ihrer Banalität, sondern inspirieren und innerlich für einen Moment befreien.

Was Fotoshootings angeht, sind dies ebenso oft erfrischende Stöße, die den grauen Nebel der Routine fortblasen. Doch in den ersten Tagen unseres Aufenthaltes hier war es eher ein hurrikanhaftes Bombardement, das Fotoshooting. Normal ist es so wie gestern: Ein dezenter, in Yachtkreisen als Star firmierender Fotograf kommt höflich an Bord, um mit wenig Worten und Aufsehen sein Handwerk in zwei Stunden zu erledigen. Anschließend dirigiert er einen Hubschrauber zu unserer Position, fliegt ein paarmal um uns herum, hoovert etwas neben uns her, wenn wir endlich unseren Spinnaker zum stehen gebracht haben und am nächsten Tag gibt es eine Bank gestochen scharfer, augenfälliger Bilder. Ein Glücksmoment für uns.

Nun zum Shooting, dass wir hier kurz nach unserer Ankunft erleben durften: Etwas für mich Neues im Yachtsport: Künstlerische Werbefotografie. Das Barcelona World Race will sich vermarkten, zB mit großformatigen Bildern an Bürogebäuden, Litfasssäulen oder Bussen. Eine Werbeagentur hat einen Produzenten beauftragt, der einen Art Director beauftragt hat, der Wiederum einen Künstler und Maler engagiert, um Szenen und Bilder vorzuzeichnen. Wir werden angerufen, sollen unser Boot für ein kurzes Fotoshooting zur Verfügung stellen, vertäuen uns brav vor dem Ort des Geschehens, der wie ein Drehset in Hollywood aussieht mit einer 6 mal 6 Meter großen Leinwand, die wie ich lerne als Blitz dient und etwa 40 Leuten, die aufgeregt lastwagenweise Material hin und herschleppen. Kurzum, Ryan und ich werden in Ölzeug auf dem Vorschiff platziert und von einem Wasserwerferboot mit Feuerwehschläuchen beschossen. Nach 4 Stunden ist das Fotokonzept von Seite 12 aus dem Sketchbuch realisiert. Die Bilder haben wir natürlich noch nicht zu Gesicht bekommen, wir brauchten zwei Tage, um uns vom Staunen wieder zu erholen und um zu trocknen.

Genug für heute, liebe Leser. Demjenigen, der bis hier gelesen hat, gilt mein Dank und meine Bitte um Nachsicht für Ausschweife. Der nächste Blog wird sehr sachlich, das verspreche ich.

Herzlichst und alles Gute

Boris

PS: die Bilder in diesem Blog sind brandneu, von dem beschriebenen, gestrigen Shooting. Ich fühle mich dem Fotografen Nico Martinez, natürlich unserem gesamten Team und unserem Sponsor Neutrogena zu großem Dank verpflichtet. Es kann losgehen.

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4 Antworten auf Eindrücke aus Barcelona

  1. Jürgen Hölters sagt:

    Wirklich schöne Fotos vom Boot. Mit dem neuen Sponsordesign nicht wieder zu erkennen.

    • johannes knulp sagt:

      Tolle Sache ! Glückwunsch …. Erfrischend zu lesen …. neidische Grüße
      und Gratulation zu Deiner Bodenhaftung !
      Gruß aus Hamburg von Johannes

  2. miriam von borstel sagt:

    Traumhaft & sehr spannend ….
    Wann / Wo kann ich eine Teilstrecke mitfahren ?
    Bin 22 mit viel Erfahrung als Schotte.
    Alle ungeliebten Bordarbeiten wie Kochen samt Abwasch – mache ich.
    Belastabr und sehr flexiebel – kann auch hochkant in der Rohrkoje schlafen.

    Komme auch für Teilstrecke an jeden Fleck der Welt ;-)

    Vorfreude ! Miriam von Borstel

  3. StuArt sagt:

    Ein ganz aussergewöhnlicher Blogeintrag. Auch wenn ich Ihre Einstellungen zu Museen nicht teile ;-) : Ihre erfrischende Ehrlichkeit sowie das Talent für offenherzige Selbstreflexion sind einzigartig in der Welt seglerischer Entäußerungen IMHO – und dringend nötig bei der Vermittlung von Vorhaben wie dem Ihrigen.

    Ich brenne natürlich ebenso auf die technischen Details Ihrer Unternehmung. Aber wenn Sie so hinundwieder einen Artikel wie diesen dazwischenstreuen könnten, hätten Sie einen Stammleser dazugewonnen :-)

    Mit freundlichen Grüssen

    Stu