Wie wir in Barcelona ankommen

Im Morgengrauen gegen 5 Uhr übergebe ich Ryan die Wache und hole mir den Rest meiner Schlafration. Es ist extrem Leichtwindig, als ich wieder auf die Brücke komme und Ryan sich noch einmal kurz hinlegt. Eine Stunde rühren wir uns kaum vom Fleck in drückender Hitze, bis sich endlich die ersten Windstriche mit dunklem Kräuseln voraus auf dem Wasser andeuten. Gegen Mittag laufen wir unter Code0 und raumem Wind direkten Kurs auf Barcelona. Noch 60 Seemeilen. Wir sind beide gut drauf, debriefen unsere 7-tägige Überführungsfahrt von Concarneau.

Mitunter zaghaft werden die Sätze gesprochen und die Worte genau gewählt, wenn wir unsere eigenen Leistungen einschätzen. Ryan plädiert für kompromisslose Stringenz in der Handhabung des Bootes, ich selber versuche überzogene Erwartungen an das Rennen zu verhindern und meine Bedenken richten sich eher auf einen effizienten, energiesparenden Segelstiel. Unsere unterschwelligen Bemerkungen beziehen sich unausgesprochen auf das Thema „Genuabergen“. Natürlich bedeutet eine aufgerollte Genua Gewicht an der falschen Stelle und Windwiderstand. Insbsondere raumschots bei leichten Winden ist das aber marginal und das Segel wiegt immerhin soviel wie ich selbst. Wir einigen uns auf eine Art Motto: Wir wollen am Ende des Barcelona World Races sagen können, in jedem Moment alles getan und das Potential unseres Schiffes voll genutzt zu haben.

Der Wind nimmt zu und raumt. Wir setzen gemeinsam den großen Spinnaker. Ein kleiner Grindmarathon unter stechender Sonne, um die 60 Meter das doppelt geschorenen Falls durch eine der Winschen zu zerren. Stets unter Autopilot segelt unser Open60 nun munter den letzten Meilen entgegen. Wir beide räumen drinnen auf und gehen dabei ein bisschen Inventur durch, um noch Material zu finden, dass wir aus unserem Sortiment an Ausrüstungsgegenständen verbannen können. Eine kleine Tasche ist am Ende von 2 weiteren Stunden Diskussion über Eventualitäten und Notwendigkeiten hinsichtlich Ersatzteilen mit einigem Ausschuss angefüllt. Doch nun ist es wirklich nicht mehr nötig, sich die Zeit zu vertreiben. Die Flaute ist endlich vorbei und wir können weiter abfallen, die Schoten fieren und den Autopiloten scharf stellen. Zwischen 16 und 18 Knoten laufen wir jetzt plötzlich in dem sprunghaft aufgefrischten Wind und überraschen unsere Shorecrew mit einem frühen Anruf. Land kommt in Sicht, ankernde Frachtschiffe und plötzlich geht alles sehr schnell, sehr routiniert. Viele kraftvolle Handgriffe und der Spinnaker verschwindet in seinem Sack unter Deck, das Großfall wird ausgehakt, die Großschot vorbereitet, das Schiff in den Wind gedreht, vom Schlauchboot steigt Yann über und während wir unter Autopiloten gegen den Wind motoren und ich das Fall fiere, helfen Ryan und Yann dem Segel in die Lazyjacks. Gischt sprüht über Deck, der Hafen ist von Wind zerzaust, mit großer Mühe dreht sich das Schiff unter voller Maschinenkraft langsam in seine Parkposition im Zentrum von Barcelona. Die schwere Genua wird vorerst ein letztes Mal geborgen, verschwindet in ihrem Sack unter Deck, Ryan grinst, es gibt ein Estrella Damm, ein kurzes, trockenes Hallo vom Boatcaptain und das wars. Wir sind da. Ein warmer und windiger Sonnenuntergang hüllt die Stadt in bezaubernde Atmosphäre. Es ist stets faszinierend, von See kommend in einer Großstadt festzumachen. Mit einem Open60 in Barcelona anzukommen, ist in diesem Sinne keine Ausnahme.

Liebe Grüße
Boris

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6 Antworten auf Wie wir in Barcelona ankommen

  1. Emanul Fishe Kinton sagt:

    Vicky Christina Barcelona : what else !!

  2. Timo Cyriacks sagt:

    Ahoi Happy Sailor!
    Das klingt doch alles schon ganz gut und eingespielt – gratuliere zur “bestandenen Prüfung” und wünsche natürlich von allem nur das Beste für das, was kommen wird. Meinetwegen können die jetzt 98 Tage, 22 Stunden, 55 Minuten und 48 Sekunden auch schneller runtertickern, bis wir dann alle wieder gebannt vorm Computer hocken und gucken, wie ihr euch da draußen so schlagt :-)
    Cheerio!

  3. boris sagt:

    hi timo altes Haus
    schön von dir zu hören! Hoffe dir gehts gut und du kommst gut voran.
    B

  4. Timo Cyriacks sagt:

    Aloha Boris,
    Yoo, mir geht’s bestens, danke. Und Gratulation zur neuen Kooperation, wie ich gerade lese: Ich benutze Neutrogena-Handcreme auch seit ich ein kleiner Junge bin und meine Frau benutzt die auch ganz viel, also tolle Sache wirklich :-)

  5. Florian Kanz sagt:

    Herzlichen Glückwunsch zum neuen Sponsor, dann kanns ja jetzt losgehen. Ich freu mich auf Sylvester.

  6. Hallo Boris Herrmann, seit vielen Jahren bin ich ein Fan von den großen Regatten, war in Kapstadt beim Einlauf der Global Challange 2001, in Sydney zum Start Sydney-Hobert, in Aukland zu Ausscheidungsregatten zum Americas Cup, in Valencia im Deutschen Haus beim AC und nun am 30. und 31. 12. in Barcelona zum Start zur Barcelona Round the World. Werden Karten vergeben, damit man näher an die Boote kommt und sich wie in Kapstadt mit den Seglern unterhalten kann, oder sind die Boote frei zugänglich? Wie ich den Hafen dort kenne, wird der Bereich leider gesperrt.
    Bitte, lass es mich wissen, ob und wie ich dort hineinkomme. Es wäre schön, wenn ich Dir persönlich viel Glück und Erfolg wünschen kann. Wir sind mit 4 Personen dort.
    Bis dahin, Hans Peter Drees