Ruhe nach dem Sturm bei Gibraltar

Der Navigationssitz ist ausnahmsweise vertikal zur Schiffshorizontale eingestellt. Es ist 5 Uhr morgens, stockfinster. Die bergige, schwarze Silhouette von Cabo de Gata habe ich backbord achteraus, sich gegen die Lichter von Almeria unter einem glitzernden Sternenhimmel scharf abzeichnend.

Zwei Meilen von dem Kap haben wir gerade gehalst und können so schön den Kapeffekt mitnehmen, einen günstigen Winddreher und die Beschleunigung des Windes. Meine lange Nachtwache geht weiter, Ryan war zum Grinden draußen, lässt sich von mir kurz versichern, dass wir auf dem richtigen Weg sind und schläft sofort wieder ein in der Koje.

Weiter geht es für mich in meiner kleinen eigenen Welt, ungestört, alleine mit dem Boot unter dem Sternenhimmel. Diese Momente genieße ich.

Es beschäftigt mich eine Weile, das richtige Gleichgewicht aus Windwinkel und Kielwinkel hinzubekommen, also alles so einzustellen, dass wir den effizientesten Winkel zum Wind segeln und dabei weder nach Luv noch nach Lee krängen. Ich beschäftige mich außerdem damit, alle Wasserballasttanks bis auf den letzten Tropfen leerzupumpen. Wir stehen zwar nicht unter Druck, aber es sitzt so tief drin, diese Art des Segelns, dass wir seit dem Kielschaden, trotz der dadurch bedingten Einbußen, nie zehn Minuten ohne Aufmerksamkeit haben vergehen lassen.

Ich glaube, dass es schwer vorstellbar ist, dieses ständig aktiv „segeln“. Ich meine, wir sind ja nicht einfach Pasagiere hier an Bord und winschen alle paar Stunden mal. Entscheidend ist doch, dass Wind, Seegang und Wetter sich viel öfter als permanenter Übergang oder Oszillation oder Chaos beschreiben lassen und ganz selten als Ruhezustand, als Gleichgewicht. Das bedeutet, dass wir selbst im Schlaf, selbst am Telefon oder egal wann, immer irgendwie die Krängung, die Bewegungen in der Welle und die Geschwindigkeit wahrnehmen.

Jetzt, wo das Schiff so flach segelt, habe ich die Lage auf einer Anzeige aufgerufen und falle etwas ab, wenn wir krängen, luve etwas an, wenn wir bei Null sind oder sogar nach Luv krängen. Ich liebe diese Momente des präzisen Segelns auf flacher See. Was für ein Kontrast zu gestern!

Ja, wir würden vielleicht 30 Knoten auf die Nase bekommen in Gibraltar, haben wir uns sorgenvoll und mit etwas schwerem Herzen überlegt. Nein, 48 Knoten und brechende Seen gegenan hat uns Gibraltar beschert. Stumfock, drittes Reff, ein Helm und ab durch das Nadelöhr.

Beide waren wir begeistert, wie gut unser Dampfer das wegsteckt, dennoch voller Adrenalin und mit angehaltenem Atem. Unter dieser Segelkonfiguration hängt alles an den Unterwanten: 8 Millimeter! Alles hängt an einer 8 Millimeter dünnen Karbonstange. Wir fluten beide Frontballasttanks und mördern mehr durch die Wellen, als über sie hinweg und verringern so das Schlagen, welches uns dennoch einige Male arg zusammenzucken lässt. Der Kiel hält!

Ich trage einen Helm, um nach den zahlreichen Handelsschiffen besser Ausschau halten zu können. Der Helm hat ein Visier. Dort wo es endet und mir die Gischt aufs Kinn prasselt, schmerzt es etwas, fühlt sich an wie Hagel. Wir kennen Gibraltar schon ziemlich gut. Mit diesem Schiff ist es das fünfte Mal für uns. Wir kennen unsere Optimalroute gegen diesen typischen Wind. Wir machen einen langen Schlag rüber nach Tarifa und wenden 400 Meter vom Strand entfernt im Schutz der Hafenmole, mogeln uns dann durch einige Fischerbojen. Vorher auf der afrikanischen Seite sind wir nur zehn Meter an einem Fischerboot vorbeigesegelt. Der Typ im Ruderhaus war schwarz.

Um Mitternacht einige Meilen an Tarifa vorbei beginnt es rapide abzuflauen. Der Atlantik liegt endgültig hinter uns, der letzte starke Wind, die letzten Wellen, die letzten Ängste. Die noch vor uns liegende Mittelmeerpassage ist uns sehr vertraut. Routine ist es dennoch nicht.

Jetzt wo ich dies schreibe, liegen etliche weitere Segelmanöver und die Alboran See hinter und noch 300 Seemeilen vor uns. Meine Nachtwache war lang genug, es wird Zeit in die Koje zu kommen und etwas Schlaf zu finden. Das Morgengrauen steht am Horizont. Frachtschiffe üeberall.

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4 Antworten auf Ruhe nach dem Sturm bei Gibraltar

  1. Willi Enn sagt:

    Hallo Boris,

    nochmal und wohl letztmalig auf dem Törn: “Danke!”, dass und wie Du uns an Eurem race hast teilnehmen lassen, aber auch danke für die Schilderung Deiner Empfindungen – das macht alles sehr authentisch – und nochmals meine Anerkennung, nicht nur für Eure seglerische Leistung und die als Team, sondern auch für Deine Haltung, ich meine, Deine Dankbarkeit und Empfindsamkeit für die Gegebenheiten, in denen Du Dich bewegen darfst. Das alles hat auch mich in den letzten 3 Monaten sehr bereichert! Morgen werde ich gebannt den livestream verfolgen. Meine besten Wünsche für Dich bzw. Euch, habt einen furiosen Empfang in Barcelona und danach eine schöne Zeit! Danke und beste Grüße Willi Enn

  2. Christiane B. (Strackerjanstr.) sagt:

    Moin Boris! Hi Ryan!
    Euch beiden eine “gute Nacht” auf den letztem Seemeilen, jetzt ist es gleich vollbracht!
    Wünsch Euch einen tollen Empfang in Barcelona! Ihr könnt echt stolz sein, wir sind es
    auf jeden Fall, und ach wie gern wär ich “in echt” dabei!
    Danke, danke, danke für die tollen Bilder, Videos, blogs etc. die es uns “Landratten” ermöglicht haben, dieses spannende Rennen hautnah zu verfolgen! Ich vermisse schon jetzt die täglichen Nachrichten – bis zum Vendée Globe dauert es noch so lange!
    Also laßt Euch feiern, ihr habt es verdient, und laßt ab und zu was von Euch hören.
    Ganz liebe Grüße und Gratulation für die tolle Leistung,
    Christiane

  3. Ulla sagt:

    Hallo lieber Boris, da kann ich mich Willi nur anschliessen! Es war großartig, mit Euch um die Welt zu segeln und hautnah mitzuerleben, was Ihr alles erlebt und erlitten habt.
    Die wunderbaren Texte, die beeindruckenden Fotografien haben Euer Abenteuer für uns an Land noch abgerundet. Viel Glück auf den letzten Meilen – Ihr werdet am Steg sehnsüchtig erwartet. Ganz viele liebe Grüße von ULLA

  4. Jens Kühl sagt:

    Männer,

    es war eine unglaublich schöne und spannende Zeit mit Euch und Johannes – vielen Dank an Ihn an dieser Stelle. Irgendwie schade, dass es vorbei ist, doch ich freue mich mit Euch über die glückliche Ankunft. Als leidenschaftlicher Freizeitsegler, aber vor allem als lebenslanger Wettkampfsportler kann ich Eure Gefühle gut nachvollziehen.
    Ich möchte mich hier abmelden mit einem Zitat von – Gruß an Ryan – Theodore Roosevelt für Eure Freude, die Zeit der Aufarbeitung des Rennens und die Zukunft. Here we go:
    Es kommt nicht auf den Kritiker an. Nicht der Mann ist wichtig, der das Straucheln des Starken ananlysiert oder der dem tatkräftigen nachweist, wie er noch besser hätte handeln können. Der Ruhm gebührt dem Mann in der Arena, dessen Gesicht von Staub und Schweiß und Blut gezeichnet ist, der tapfer ringt . . . der die Begeisterungsfähigkeit kennt, die restlose Hingabe, der sein Leben einer großen Sache widmet. Nur er kann ermessen, welcher Triumph ihn im besten Fall erwartet. Er weiß aber auch, dass er im Fall des Scheiterns wenigstens in Ehren scheitert und das er nie in einem Atemzug mit jenen Teilnahmslosen und Kleinmütigen genannt werden wird, die niemals Sieg oder Niederlage gekostet haben.