Flach auf’s Wasser gelegt

Zwei Sekunden nur…!

Gestern um 18 Uhr, 7 Minuten und 17 Sekunden merke ich, dass etwas nicht stimmt. Ich springe vom Navigationsplatz auf und sprinte nach draußen, doch es ist zu spät. Diese zwei Sekunden waren zu langsam, besser gesagt: das plötzliche Übersteuern unseres Piloten zu abrupt.

Der Baum ist schon übergekommen, mit 20 Knoten Fahrt steuern wir in eine Patenthalse, so wie ein Surfer eine Powerhalse angeht. “Neutrogena” legt sich komplett auf die Seite. Ich halte mich an der Genuawinsch fest und baumle mit den Füssen in der Luft.

Ryan hat einen sicheren Stand im Niedergang und berät mich bei meinen Handgriffen. Doch zuerst mal machen wir gar nichts. Wir liegen in einer stabilen Seitenlage und beruhigen uns selbst. Konzentrieren uns und rufen uns die richtige Prozedur in Erinnerung. Neues Backstag anziehen. Ein artistisches Manöver an meiner Steilwand. Dann Mastrotation öffnen. Großschot fieren. Altes Backstag fieren. Autopilot stoppen.

Ich keile mich zwischen Reling und Backtagwinsch, so dass ich mit einer Hand steuern kann. Jetzt noch die Spinnakerschot öffnen, dann richtet sich “Neutrogena” langsam wieder etwas auf, von 80 auf 35 Grad Schräglage. Nicht genug, um sie wieder auf Kurs zu bringen. Die Ruder greifen noch nicht.

Ryan kämpft auf dem Vordeck mit dem wilden, sich jetzt verheddernden Spinnaker. Eine Welle gibt uns einen Schubs und ich erlange Kontrolle, kann abfallen – endlich! – nach dieser 10-Minuten-Kenterung. So gut es geht steuere das Boot vor den Wind. Wir  kämpfen eine Weile, bis wir alles wieder in Ordnung haben, zurückhalsen können, Spinnaker befreien usw.

Dann die Frage: was ist passiert?

Blau zeigt unsere Schräglage - maximal 88 Grad auf der Backe...!

Blau zeigt unsere Schräglage - maximal 88 Grad auf der Backe...!

Ich setze mich gleich an die Auswertung der Daten mit Excel. Ich hab diesen Graph und  andere erstellt, kann aber keinen Instrumentenfehler entdecken. Wir denken, dass unser „Gain“ zu hoch war. Außerdem kann man sehen, wenn man in die Daten zoomt, dass wir vor der Halse mit 22 Knoten Speed bei 24 Knoten Wind am Surfen waren und der Wind plötzlich auf 16 Knoten nachließ. Das bringt den scheinbaren Wind nach vorne, so dass “Neutrogena” abfallen will. Dazu ein Surf auf einer Welle und all das zusammen hat diese dynamische Halse erzeugt. Im Grunde ein Einstellungsfehler am Autopiloten.

Zum Glück ist nichts passiert. Wir genehmigen uns beide ein Stück Schokolade und nach einer Stunde haben wir uns wieder beruhigt. Es ist schon verrückt, das eigene Schiff so flach auf dem Wasser liegen  zu sehen. Das liegt natürlich am Schwenkkiel, der dann nach Lee hängt. Und da das System ja nicht ganz in Ordnung ist, konnten wir unseren Ballast nicht einfach zurückschwenken.

Hoffen jetzt, dass solche Überraschungen die Ausnahme bleiben….!

Grüße aus der Tropensonne

Boris

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3 Antworten auf Flach auf’s Wasser gelegt

  1. Pingback: Barcelona World Race: Patenthalse aber Boris Herrmann schlägt zurück | SegelReporter

  2. Hans-Joachim Dorfner sagt:

    Hallo Boris,

    Wow beindruckend, von Normal zur fast Katastrophe in 10 Sekunden. Ich bin froh, das meine “Godewind” da etwas behäbiger ist.

    Ich bin seit 2 Monaten jeden Tag bei Euch. Ihr gehört zu meinem Tagesablauf.
    Was mache ich eigentlich nach dem ?? April.

    Auch wenn meine Spanisch-/Französischkenntnisse nicht ganz so gut sind und ich die anderen Teams nicht so gut verstehe, kann ich doch beurteilen, dass Ihr den besten Job macht, was Kommentierung Eurer Erlebnisse angeht. Naja und Eure seglerische Qualifikation und vor allem Eure sichere und umsichtige Seemannschaft sind offensichtlich.

    Thumbs up and hang loose….

    Jochen

  3. Olaf sagt:

    Wahnsinn! Gut, dass alles glimpflich abgegangen ist. Nichts kaputt gegangen und vor allem keiner über Bord gegangen!! Aber Hut ab! Souverän gemeistert! Viel Glück beim Endspurt!