Ein wilder Ritt nach Norden

Liebe Yacht Leser,

Wir wurden handfest gebeutelt und taktisch ist dieses Tief ein echtes Lehrstück. Mehrere Herausforderungen kommen zusammen: Das Timing ist eine zentrale Frage – also wie schnell sind die relativen Ortsveränderungen von Front und uns? Dazu lassen wir eine Reihe von Routings laufen.  Doch als zentrale Frage hat sich herausgestellt, wie der Seegang läuft. Und dieses Thema schmeißt alle Überlegungen zum Timing wieder über den Haufen.

Wir sehen in meinem Screenshot das blaue Bootssymbol, “Mirabaud”, kurz nach dem Mastbruch und quer durchs Bild laufend. Von Nordwest nach Südost verläuft die mit dem Tief verbundende Kaltfront.

(wir sind schwarz und “Renault” rosa dargestellt)

Einige Stunden zuvor standen wir an der gleichen Stelle wie “Mirabaud” und drohten schier zu verzweifeln. An der Position haben wir und “Mirabaud” beim Versuch nach Nordost zu segeln Südostwind von Steuerbord achtern. Hinter der Front weht es kräftig aus Norden. An der Stelle, an der “Mirabaud” der Mast gebrochen ist, hatten wir bis zu fünf Meter hohe, zum Teil brechende Wellen – und zwar aus Norden, genau von vorne. Sie kommen von der anderen Frontseite. Die Front konnten wir von dort aus übrigens gut am Horizont sehen. Diese Wellen jagen auf einen zu und überschlagen sich am Kamm, der das Wasser zerstäubt. Es ist eigentlich relativ flau doch immer wieder kommen diese gemeinen Wellen um einen herum. In dieser Situation segelt man nun mit Wind von hinten und es gibt kaum ein Ausweichen. Segelt man seitlich über solche Wellen ist es halb so schlimm. Kommen sie direkt von vorne, will das Schiff abheben, um sich bei der nachfolgenden Landung selbst zu zerstören. Wir segeln so vorsichtig es geht, zum Teil nur unter gerefftem Groß bei sieben Knoten. Ich war drauf und dran den Gennaker anzuschlagen, als ich die Gefährlichkeit dieser Wellen realisierte. Mit Gennaker ist ein Mastbruch sehr leicht vorstellbar. Wir wissen nicht, was auf “Mirabaud” passiert ist – es könnte einfach ein kleiner Beschlag im Rigg nachgegeben haben, bei den unritterlichen Schlägen.

Was für ein Horror, nach 70 Tagen Kampf „kurz“ vor dem Ziel geschlagen zu werden – mit allen Problemen, die das nach sich zieht: Reparatur, Heimtransport usw. Meinen allerherzlichster Aufmunterungsgruß an Michéle und Dom!

Wir sind mittlerweile aus dem Gröbsten heraus. Hatten 55 Knoten Wind, haben Löcher im Großsegel geklebt und sind nun bereit für ein paar ruhige Tage. Wenn wir Glück haben, nehmen wir in ein, zwei Stunden das dritte Reff zum allerletzten Mal in diesem Rennen heraus.

Freunde, das war ein wilder Ritt. Mehre Male quergeschlagen, Wellen haben den Rettungsring vom Heck gerissen. Ich war selbst im Cockpit angeleint und 12 Stunden im Überlebensanzug.

Hier das Satellitenbild des Tiefs gestern Mittag, eine gute Weile nach der Frontpassage. Die pinke Linie ist unsere Route.

Bei “Estrella Damm” ist der Tauwerschäkel (Loop) zwischen Trinquette (Stagsegel) und Hook (am Mast) gebrochen, nun haben sie ihn jedoch ersetzt und sind wieder voll da. Ich denke nicht, dass wir sie bis  ins Ziel halten können mit unserem Kielproblem. Schließlich ist der Schwenkkiel so etwas wie das Gaspedal und das drücken wir jetzt aus Vorsicht nur noch halb durch. Ankommen ist erste Priorität. Dabei nichts zu verschenken ist klar. Wir arbeiten weiter hart. Was dabei herauskommt, werden wir in drei Wochen sehen.

Liebe Grüße,

Boris

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