“Was für ein Privileg”

Es ist brutal und zugleich elegant. Während ich dies schreibe, werde ich im Navigationssitz hin und her gerüttelt. “Neutrogena” stoppt ab, mein Oberkörper beugt sich nach vorne – wie als Beifahrer eines schlechten Autofahrers, der sein Bremsen nicht gut dosiert. Eine Sekunde nach dem Abstoppen verdunkelt es sich. In einer fünf Zentimeter hohen Flutwelle schießt Wasser über Deck und über die Plexiglaskuppeln, durch die für gewöhnlich Tageslicht auf mich fällt – während ihr in der Nordnacht hoffentlich gerade tief schlaft (außer meinen Webmaster Johannes, der an allen Websites baut und bastelt).

Es ist elegant. Dieses Eindrucks kann ich mich nicht entreißen, wenn ich in Luv am Heck stehe und mich am Backstag festhalte, wie ein römischer Wagenritter auf seinem Gespann, das durch die wilde See prescht. Die See sei “flach” habe ich in der Videokonferenz heute gesagt. Nun, eine Stunde später, ist sie schon etwas rauer. Ist auch sowieso relativ. Wir hatten schon schlimmere Bedingungen, klar. Aber es ist doch mittlerweile zu einem wilden Ritt ausgeartet. Die Bugwelle, also die Fontäne, die direkt unter dem Kiel etwa vier Meter zu jeder Seite feuert, trifft auf ihrem Weg den leewärtigen Outrigger und macht dort ein furchendes Geräusch. Sich dazu auch noch auf das Schreiben zu konzentrieren, ist nicht leicht.

Will man rausgehen, sollte man sich gut einpacken. Die Kajüteingänge sind zugerammelt weil sonst ständig Salzspraynebel in die Kajüte weht. Bevor ich rausgehe, spanne ich meine Gamaschen zu, die doppelten Armbündchen werden fest angezogen, die Halsmanschette zugezogen und die Kapuze in Position gebracht. Körperhaltung stets mit dem Gesicht der Gischt abgewandt. Irgendwie besitzt man schon jede Menge Automatismen was das angeht und dreht sich automatisch aus der Gischt. Nach vorne schauen ist eine Herausforderung. Meistens ist eh höchstens eine halbe Meile weite Sicht möglich. Eisberge sind in fünf Meilen südlich von hier vermeldet mit einem Positionsreport vom 5. Februar, also 20 Tage alt.

Ich denke Kollisionen irgendwelcher Art bleiben die größten Risiken bei diesen Unternehmungen. Wir segeln in circa 26 Knoten Wind mit einem Durchschnitt von 18,9 Knoten, genau halbwinds unter Solent und zweitem Reff im Groß – ohne Wasserballast, weil das ganze System langsam den Geist aufgibt. Mit Ballast und einem Reff weniger wären wir wohl einen Knoten schneller, aber die Lasten auf dem Schiff wären enorm viel höher. Ich bin daher so zufrieden, wie es ist. Das Schwert ist nur eine halben Meter hinab gelassen. Je größer die Geschwindigkeit, desto weniger Schwert brauchen wir. Der Mast ist gedreht, so dass er als Profil das Großsegel ergänzt. Die Fock ist auf den Outrigger „gebarbert“, also die Schot mit einem Barberhauler seitlich abgespannt, so dass der effektive Schotzug von einem Punkt außerhalb unserer Schiffsbreite kommt. Das macht das Segel flacher und schließt das Topp besser.

Ich stehe immer noch am Achterstag und denke: “Was für eine beeindruckende Maschine”. Wenn man überlegt, was das alles kostet! Allein ein Segel, so viel wie eine kleine Yacht. Welch unglaubliches Privileg, dass ich dieses Schiff so lange segeln darf, die Erfahrung machen kann, wie so eine Maschine behandelt, wie man damit vorankommt auf den Weltmeeren, wie man damit nonstop um die Welt kommt. Welches Privileg, diese Eindrücke am eigenen Leib zu erfahren. Dieses Privileg gilt es mit euch zu teilen, liebe Leser. Gerne würde ich täglich schreiben, Videos drehen, minütlich twittern, 10 Fotos am Tag senden und zwei Videokonferenzen machen. Außerdem ein Radioinerview pro Tag. An machen Tagen wäre das sogar fast möglich. Tage an denen nichts los ist. Nur leider hab ich dann irgendwie nicht viel Sendebedürfnis. Wisst Ihr, wir hatten diese Phasen mit tagelangem Grau in Grau und unspektakulären Bedingungen. Diese Kontraste sind enorm, zwischen innerer Wüstenleere und adrenalinpumpender Aufgeregtheit.
Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
Boris

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8 Antworten auf “Was für ein Privileg”

  1. Christiane B. (Strackerjanstr.) sagt:

    Moin Boris,
    lt. Johannes (danke an ihn nochmal für die unermüdliche Arbeit an dem Blog :-) war diese Meldung “verloren” gegangen und taucht erst heute (1. März) auf. Dennoch, wie immer, toll zu lesen wie das auf so einem schnellen Boot läuft und was alles zu tun ist, selbst für mich als “Landratte” verständlich & spannend.
    Noch spannender allerdings, daß Ihr mittlerweile noch näher an Renault ran gekommen seid! Das sieht alles echt gut aus und ich drück weiterhin die Daumen!
    Liebe Grüße,
    Christiane

  2. Ono sagt:

    Hi Boris,
    es ist auch ein Privileg, Deine Berichte lesen zu können. Nicht irgendwann, in Buchform gedruckt, sondern tagesfrisch mit Salzwassergeschmack. Packend geschrieben. Wirklich besonders.
    Danke dafür und weiter so!
    Ono

  3. Pingback: Barcelona World Race: 22 Meilen Rückstand für Boris Herrmann | SegelReporter

  4. Willi Enn sagt:

    Hallo Boris, ich bin Willi, ein Bekannter von Ulla, hab ein kleines Boot in Bad Zwischenahn liegen und verfolge Eure phantastische Reise schon lange, und das mindestens 2 x täglich. Ich bin voller Bewunderung für Eure Leistung und tue daumendrück-technisch allezeit mein Bestes, damit Euer Speed bitte immer um einiges höher liegen möge als der der vor und hinter Euch segelnden Boote. ;-) In dieser Minute zeigt der mir vorliegende Tracker, dass das auch so weit klappt, nur Renault Z.E. läuft mit 18,9 knts, während Ihr 18,0 kts lauft, aber das ist bei denen bestimmt die blanke Angst; bald habt Ihr sie. Booah, Platz 3, das wärs doch! Sehr schön fand ich auch Deinen Beitrag “Was für ein Privileg”. Schön, dass Du Dir bei alledem, was Dir das Leben bietet, Deine Dankbarkeit bewahrt hast. Ich fühle mich privilegiert, mit Dir auf Reisen sein zu dürfen! Herzliche Grüße aus dem Norden von Oldenburg und meine allerbesten Wünsche! Willi Enn

  5. Jens Kühl sagt:

    Heyho Boris, heyho Ryan,

    kann mich dem Vorredner Ono nur anschließen. Ich liebe es, Eure Berichte zu lesen. Eine phantastisch realistische Schilderung Eures Erlebens. Ich träum mich dann immer auf den gemieteten Hobie-Tiger vor Howacht, der ab einem bestimmten Tempo anfängt zu “singen”. Hoffentlich bekomme ich meinen eignen Kat rechtzeitig zur Saison ins Wasser. Kämpfe grad mit den Schwertkästen, das Rigg ist schon gekauft, jetzt müssen die Rümpfe fertig.
    Noch eine Bemerkung zum Ballastsystem. Musste bei Deiner Schilderung an meine Zeit als Hobby-Radrennfahrer denken. Wenn ich nach 120 km kurz vorm Ziel anfing kaputtzugehen und das Tempo kaum noch mitgehen konnte. Dann hab ich immer dran gedacht, dass die anderen mindestens genauso kaputt sind wie ich selbst. Also in diesem Sinne: Bleibt cool und gelassen. Die anderen haben garantiert genauso ihre kleinen und größeren Problemchen mit Verschleiß des Materials und der physischen und psychischen Anstrengung.
    Geniesst das Rennen, nehmt das Kap und dann bringt Ihr die “Neutrogena” sauber nach Haus.
    Weiter so
    Jens

  6. Roland Wallisch sagt:

    Lieber Boris Herrmann,
    Ihre Texte sind absolut lesenswert und, wie ich finde, sehr gut geschrieben. Man kann das also auch ohne Strg c und strg v, wenn man es kann. Das schien manchen gar nicht mehr bekannt zu sein. Bei all dem frag ich mich, was Sie denn für ruhigere Zeiten für Lektüre an Bord habt. Oder spielen Sie Schach?
    Wie auch immer, alles alles Gute weiterhin, und beste Grüße

  7. Roland Wallisch sagt:

    …ohh, bitte korrigieren:
    “was Sie denn für ruhigere Zeiten für Lektüre an Bord HABEN”

  8. Markus sagt:

    Jetzt wird es nochmal spannender!
    Au Backe, das Ballastsystem ist futsch? Aber OK, wenn das Ballastsystem out of order ist und ihr damit ein ganzen Knoten schneller sein würdet, dafür aber “härter” fürs Boot segeln müsstet, dann ist es so wie ihr es macht doch besser. Nahezu alle Boote haben div. kleine Probleme und eure Aufholjagt ist phantastisch.

    Geht kein Risiko mit dem Sturm ein der lt. Vorhersage südlich von euch durchzieht, das kann sich noch ändern.

    Wäre schon ganz fein wenn ihr Renault noch vor Cap Hoorn das Kielwasser zeigt (am besten morgen früh , wenn ich nach dem Aufstehen P3 für euch inklusive Mapfre angezeigt bekomme :-) aber realisisch zählt erst danach wieder blanke Wind-Taktik um den Atlantik am besten zu durchqueren. Für uns wird Trackerjunkies wird es dann hart weil die Linien des Hinwegs auch noch zu sehen sind. Aber was sind das für Sorgen gegenüber der Abwägung ob das Reff3 notwendig wird?

    Zum Thema Privileg: Natürlich ist es das aber eins das erarbeitet wurde. Ich hoffe das dein/euer Rennen zu mehr Aufmerksamkeit im Sport führt, nicht das du gleich der Boris Becker des Segelsports werden sollst aber du verkörperst derzeit mehr Segelsport als alle Schümanns und Krögers zusammen. Wie selbstverständlich werden von dir Fachbegriffe präzise erklärt. Man sollte meinen, dass hier nur Fachleser anwesend sind aber von denen wird sich keiner dadurch gekränkt fühlen. Kurz und Bündig: Dich liest man gerne und eure Vids sieht man gerne und man hört gerne zu.

    So genug Honig um den Bart geschmiert- Jetzt schaut, dass ihr soviel Gewicht nach hinten bekommt wie nur geht, damit ihr sourverän an Renault vorbeigeht. Mein Vorschlag: Gennaker hinten ins Cockpit?- den braucht ihr eh erst wieder ab etwa 09Mar…