Psychologie an Bord

Bloß nicht an die Meilen denken, die noch vor uns liegen. Irgendwie aufmuntern. Ich mache mir einen Kaffee. Es gibt zwei Stimmungsdämpfer dieser Tage: Unser jüngster Verlust an Meilen auf “Mirabaud” und eine gewisse Essensknappheit. Komischerweise empfinden wir das erst seit ein paar Tagen so mit unserem Proviant. Wir müssen uns wohl eingestehen, dass wir hier sinnlos gespart haben. Wir vermuten, dass unsere Körper alle Fettreserven aufgebraucht und wir daher jetzt permanent Hunger haben.

Stimmungen sind durch nichts gefiltert an Bord, keine Ablenkung außer eurer Kommentare, liebe Leser, und einiger Mails unserer Freunde und Verwandten. Doch selbst die, die relativ nah dran sind, können es sich kaum vorstellen, wie man das hier erlebt, wie der Alltag aussieht und wie hungrig man auf Neuigkeiten aus der Welt, auf Aufmunterung und Ablenkung wartet. Etwas, was hier zum Gesprächsstoff an Bord werden kann, etwas zum Nachdenken oder Lachen.

Ich überrasche mich mit einer Beobachtung: An Tagen mit hoher, langer Dünung fühle ich mich leichter und unbeschwerter. An Tagen wie heute, mit flacher Dünung und ansonsten nur Windsee, kommt dieses Gefühl auf, in einer riesigen Wüste zu stecken. Ich hab die hohe Dünung des Südens liebgewonnen, sie erzeugt eine gewisse Magie und Faszination, sie strukturiert die Zeit, verleiht eine Spannung und ein ruhiges Atmen.

Der andere prägende Faktor unseres (Innen-) Lebens ist das Licht auf der See, die Farben und die Atmosphäre, die daraus entsteht. Nie ist mir ein Tag so grau vorgekommen, wie heute. Ein unattraktives, unstrukturiertes Grau prägt gleichermaßen Himmel, wie See. Hat jemand mein Foto von der Sonne knapp über der Heckwelle neulich gesehen? Was für Farben, was für eine Spannung und Aufregung erzeugen solche Momente. Man vergisst Zeit und Dauer, Mühsal und Entbehrung. Geduldig warte ich auf den nächsten solcher Momente.

Ungefähr 54 Tage noch, schätzen wir. Es ist fast Mitte Februar. Was haben wir an Land verpasst in diesen Wochen auf See seit Silvester? Die dynamische Entwicklung im nahen Osten, in Ägypten zu verfolgen, stelle ich mir interessant vor im Moment.

Die typische Frage von Journalisten Lautet, was wir am meisten vermissen und worauf wir uns am meisten freuen, wenn wir wieder an Land kommen. Schon Felix und ich hatten nicht so recht was mit der Frage anfangen können. Schließlich sind wir hier, um dieses Rennen zu segeln. Das ist es, was wir wollen. Ich freue mich am meisten auf das Ankommen selber, darauf, es geschafft zu haben. Was uns fehlt? Alles und nichts. Wir sind mit minimaler Expeditionsausrüstung für 100 Tage in einer unendlichen Wüste zu zweit. Etwas Einmaliges. Wo gibt es das sonst auf der Welt? Ein Experiment. Eine Erfahrung. Ein psychologisches Abenteuer.

Liebe Grüße,

Boris

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10 Antworten auf Psychologie an Bord

  1. Ich starte jeden Tag mit positiven Gedanken. Auf einer 18 Meter Rennyacht im Südpolarmeer kann das wahrscheinlich schon manchmal etwas schwerer fallen; dennoch dürft ihr Zwei NIE vergessen, WAS ihr da gerade macht und wie viele Menschen das auch gerne tun würden. Ist das nicht ein wahnsinnig schönes Privileg?

    Neuigkeiten gibt es stets viele auf der Welt, die Frage dabei ist aber doch immer: Welche Schlagzeilen sind wirklich wichtig? Ihr schreib Geschichte – mit jeder Meile – und darauf solltet Ihr Euch konzentrieren. Seht nicht nach links und rechts, was ihr in den 100 Tagen alles “verpasst”, sondern genießt die Zeit, denn sie ist schneller vorbei, als Euch lieb ist.

  2. Olaf sagt:

    Jungs, was Ihr macht ist so geil, so faszinierend und so bekloppt zugleich :-) Und ich glaube, das wisst Ihr auch. Echt stark, Hut ab! Ich schaue jeden Tag mehrfach auf den Tracker und fiebere mit, ob Ihr auf Mirabaud Meilen gutmacht. Aber wie ungleich interessanter und spannender ist es, Eure Blogeinträge zu lesen, die Eure Erlebnisse zu uns nach Hause auf den Schirm bringen.

    Übrigens – wettermäßig verpasst Ihr gerade nichts. Draussen vor meinem Bürofenster (bei Köln) ist es auch grau in grau und nieselt leicht. Und was das Weltgeschehen angeht: Wieder mal kriegt ein seniler Despot nicht die Kurve und klebt an seinem Amt. Und auch sonst nichts Neues, eben viele Kriege und sonstige Grausamkeiten, die sich in erschreckender Alltäglichkeit rund um die Welt ereignen und schon gar nicht mehr in den Nachrichten erscheinen. Eigentlich alles wie immer … Ach so … fast vergessen … Regierung und Opposition schaffen es nicht, sich darüber zu einigen, ob Hartz IV Empfänger nun 5 oder 11 EUR mehr im Monat bekommen sollen. Wenn ich so darüber nachdenke, muss mich meinen Eingangskommentar revieren … nicht Ihr seid bekloppt, sondern der Rest der Welt (abgesehen von mir natürlich ;-)

    Also, rockt weiter die Ozeane und haltet den Kahn aufrecht, Ihr Teufelskerle!

  3. Brigitte Brandner sagt:

    Auch von mir Grüße zur Mirabaud. Durch langjährige Fahrtensegler-Erfahrung kann ich sehr gut Deine Gedanken, lieber Boris, nachvollziehen. Wenn ich das wunderschöne Foto betrachte, kann ich nur sagen, vergesst all die Meilenverluste und geniest die herrliche Zeit auf See. Es gibt hier Leute, die Euere Fahrt verfolgen als wären sie mit an Bord und sind damit dem eigenen Fernweh etwas näher. Glaube mir, Ihr seid nicht allein, wir haben eine schöne “gemeinsame” Zeit.

  4. Markus sagt:

    Schön, dass du die Zeit gefunden hast was zu schreiben.

    Das ihr nicht gleich an Mirabault vorbeigekommen seid, ist ja verschiedenen Ereignissen zu verdanken. Als es dann von außen möglich erschien, drehten die beiden plötzlich auf, das dass etwas knickt ist klar aber denkt immer daran, dass ihr euch mit ganz alten Hasen messt und auf der Scala Schiffalter/Position in der Flotte seht ihr ganz gut aus :-)
    Aktuell seit ihr ja wieder auf dem Vormarsch!

    Was mich ärgert: ich kann den Tracker nicht auf meinem Androit Smartphone starten (gibts noch keine Unterstützung für Flash). So bin ich immer darauf angewiesen übers Laptop/WLan zu gehen. OK, wirklich viel zu sehen ist auf dem Mini Bildschirm eh nicht.

    Eine Frage: Schaut ihr euch euren Tracker und/oder den von Banque Populaire oder Sodebo an? Deren Tracker gefällt mir pers. besser. Grade die Winddarstellung.
    Sicherlich habt ihr es auch mitbekommen, das Banque Populaire abgebrochen hat, weil sie auch mit eine UFO kollidiert sind. Sodebo ist grade dabei auf ein Tiefdruckgebiet zu springen um euch in ein paar Tagen in den indischen Ozean zu folgen. Ich tippe darauf, dass Thomas euch nicht vor Kap Hoorn überholen wird. Derzeit ist er aber noch ca 5000sm von euch entfernt.

    Zuletzt: Der gebrauchte Tag ist jetzt für euch auch so gut wie vorbei, wir haben hier noch etwas davon.

    Und bitte mehr solcher Fotos, Du hast das Auge dafür!

    Markus

  5. Gabriel Mennicken sagt:

    Lieber Boris,

    natürlich, die seglerische, sportliche, organisatorische, menschliche und psychologische Leistung, die Du aktuell vollbringst ist beeindruckend und wird ja von uns allen, Deinen begeisterten Lesern, auch gebührend honoriert.

    Mich fasziniert eine weitere Leistung: dein Blog. Deine Schilderungen zeugen von packender atmosphärischer Spannung, sind von fundierter journalistischer Qualität und sind in der Lektüre amüsant und zugleich extrem lehrreich. Und schließlich bist Du so offen und in deinen Schilderungen so geschickt, uns einen tollen Einblick in die faszinierendste aller deiner aktuellen Herausforderungen zu geben: die Psyche.
    Einfach absolut Pulitzer-würdig! Wow! Also, bitte weiter so! Im seglerischen, wie im redaktionellen.
    Lieben Gruß,
    Gabriel

  6. Johann & Carla sagt:

    lieber Boris ,

    Papi ist dauernd am Tracker und wundert sich, warum Ihr immer die Flautenlöcher ansteuert. .
    Hoffentlich ist Dir nicht zu kalt im Southern Ocean. Der Süden hört sich ja eigentlich auch für uns Hamburger angenehm warm an.
    Bitte mehr Videos von Deinen treuen Freunden den Delphinen und Walen.
    Johann will nur Aktion Videos vom Segeln in grossen Wellen sehen.

    Deine Carla

  7. thomas schroeder sagt:

    gibt es dumme fragen; ich denke ja! aber es gibt antworten!
    1. wo fährt der hin? puerto de la luz dock 17b
    2. was machen skipper im winter? heizen
    3. wo ist es am schönsten? da wo man nicht ist
    4. was vermißt du am meisten? “…mutti…?”
    5. wen vermißt du am meisten, wenn du wieder bei mutti bist? “…bryan…”
    ……….

  8. Markus Metke sagt:

    Dann lasst mal den Kopf nicht hängen. Ich denke, dass auch aus unserem Online-Forum einige hundert Beobachter bei Euch sind und daumendrückend Euer Rennen verfolgen. Und Ihr seid ja jetzt fast wieder dran, an der Mirabaud. Nur noch 14 Meilen, mein Gott, dichter wart Ihr ihnen nur am 4. und am 6. Februar auf den Fersen. Wenn meine Statistik nicht lügt, habt Ihr seit dem 4. Februar auch auf die Renault fast 300 Meilen gewonnen. Also wenn das nichts ist. Herzliche Grüße vom http://www.Segelnforum.de
    Markus (Casa)

  9. Markus Metke sagt:

    jetzt hab ich auch noch die webadresse falsch geschrieben. Ich meine natürlich http://www.segeln-forum.de
    Grüße Markus

  10. Julia sagt:

    Hallo,

    ich lese jeden Blogeintrag mit Spannung und so gerne, auch wenn jeder einzelne das Fernweh in mir weckt! Ich hatte das Glück, ein Jahr lang durch die Welt zu segeln und weiß um die wundervollen Augenblicke, die man nur so erleben kann! Und ihr macht das auch noch im Wettkampf mit gleichgesinnten, das ist unglaublich wagemutig und aufregend!
    Bleibt dran und genießt jeden Bruchteil einer Meile während wir hier unsere Phantasie anstrengen um mit ihrer und der Hilfe deiner Fotos gedanklich mit bei euch zu sein :)

    Tausend Grüße