Cuisine à la Barcelona World Race

Ich nehme an, dass unsere Kochkultur hier an Bord einen schlechten Ruf hat. Dem will ich vehement wiedersprechen und mal ein bisschen Klarheit schaffen. Als große Ausnahme unter den Open60 haben wir eine Küche an Bord. Sie wiegt 8 Kilogramm und besteht aus Karbon-Nomex – so wie alles in diesem Boot. (Zur Info: Nomex ist ein Wabenmaterial, besonders leicht und im Boots- und Flugzeugbau verwendet). Wir hatten im Sommer überlegt, die Küche rauszuschmeißen, doch da es gleichzeitig die Abdeckung des Motors und der einzige Einrichtungsgegenstand in unserem Salon ist, haben wir sie dann doch drin gelassen. Eigentlich war aber ein anderer Grund der Ausschlaggebende: Ich wollte diesem Schiff von Roland Jourdain nicht gleich unseren eigenen Stempel aufdrücken.

Dieser Küchenblock mitten im Schiff hält einen Pumpwasserhahn, der an unseren 5-Liter-Frischwassertank angeschlossen ist, welcher sich wiederum einmal am Tag aus dem Seewasserentsalzer speist. Des Weiteren gibt es einen typischen Campinggaskocher mit kleiner, blauer Kartusche, einen Kessel, einen 2,5 Liter Druckkochtopf, zwei blaue Essnäpfe, zwei Thermobecher, meine kleine italienische Espressomaschine, zwei Satz Besteck – eins für mich aus Metall, eins für Ryan aus Plastik. Besonderheit ist ein großes,
superscharfes Messer der Marke „Löwenmesser, Solingen“, das Ryan schon ewig begleitet. Damit schneiden wir alles, von Tauwerk bis Schinken. An den Seiten des Küchenblocks sind lauter Taschen aus Segeltuch, in denen wir das Zeugs des täglichen Bedarfs aufbewahren.

Soweit zur Einrichtung, nun zu den Vorräten: Wir haben sechs jeweils 25 Kilogramm schwere, ca. einen Meter lange Taschen für 13 Wochen, bzw. 91 Tage. In jeder Tasche sind 14 Ziplockbeutel, jeweils einer Pro Tag. Selbstverständlich durchnummeriert. Die Nahrung für die erste Woche war in einer kleineren Extratasche. Das erspart das Nachdenken, vergönnt einem aber auch den Luxus der Wahl. Letztlich ist das System gut und praktisch. Im ersten Monat konnten wir Proviant für eine gute Woche zurücklegen, uns sozusagen vom Mund absparen. Reserven anlegen – und wie es ausschaut, werden wir damit fortfahren, denn das Rennen kann gut auch 100 Tage dauern oder wenn es wettermäßig wirklich weiter so langsam voran geht – auch noch länger. Da gehen wir lieber auf Nummer sicher. Sagen wir, wir haben 126,5 Kilogramm Proviant gebunkert für 2 Personen und 100 Tage; das macht 812,5 Gramm Proviant am Tag pro Person aus. Klingt doch leicht oder? Es ist leicht, wenn man überlegt, was uns das alles bietet: In der großen Ziplocktasche von ca 1,5 Kg finde ich morgens Müsli (10 verschiedene Sorten,
so wiederholt es sich alle 10 Tage) mit Pulvermilch. Schmeckt ausgezeichnet, diese Milch (von “Sill”, dem früheren Sponsor dieses Bootes – bekommt das Team immer noch umsonst). Mittags und abends gibt es gefriergetrocknete Gerichte, die meist sehr gut schmecken. Sie wiederholen sich alle 13 Mahlzeiten. Ryan und ich haben jeder unsere Favoriten. Unsere gemeinsame Lieblingsmarke ist Drytec aus Norwegen, ein Zulieferer der Armee dort.

Nun zur haute quisine: Wir schnippeln manchmal ein paar Krümel Knoblauch in unser Gefriergetrocknetes und fügen Pimente hinzu, ein scharfes Gewürz unseres Lieblingsitalieners „Don Gino“ in Concarneau. Wenn das nicht passt, gibt es verschiedene Tabascos oder so ein spezielles Ami-Teufelszeug „Hoagie Spread“. Wir mögen es scharf.
Alle 4 Tage gibt es Pasta (Barilla) in meinem Druckkochtopf, der auch schon das Portimaorennen gemacht hat. Für die Pasta gibt es kleine Plastikbeutelchen mit ziemlich leckerer Pastasauce, Parmesankäse aus einer Plastikdose und Gino-Spice. In den Tropen hat Ryan fliegende Fische mit Zitronensaft gegart – gar nicht schlecht! Alle paar Tage mache ich mir mal einen Kaffee. Generell haut mich das etwas zu sehr aus dem kurzen Rhythmus an Bord, aber manchmal ist es gerade gut, den zur Abwechslung zu unterbrechen.

Wenn wir richtig hart schuften an Deck, mischen wir in unser entsalzenes Seewasser Hydrosportpulver, so eine Art “Isostar”. Besonders wichtig an Bord finde ich etwas zum Knabbern dabei zu haben, am besten die ganze Zeit. Kaugummies halten her, wenn ich alles andere verschlungen habe: Italienische, gesalzene und geröstete Mandeln – exquisit! Lomo und Schinken aus Barcelona (insgesamt 4 Stücke), Compte Käse in Plastik eingeschweißt aus Frankreich (2 oder 3 Stücke), Sardinendosen aus Concarneauer Produktion (ca. 2 Dosen pro Woche), Powerbars oder Snickers (1 Riegel pro Tag), Knäckebrot und Studentenfutter.

Erstaunlich, dass das alles in Tagesrationen von 800 Gramm hinein passt. Was wir natürlich vermissen, sind frische Sachen. Orangen hatten wir für zehn Tage. Von Bier,
Wein usw. will ich gar nicht sprechen, das nehm ich dann beim Fahrtensegeln mit. Natürlich gehört eine gute Flasche Whiskey an Bord (finde ich), nicht zuletzt um Rasmus damit zu versorgen. Wir haben einen „Louvois“ an Bord: „Der Wolf“. Geschenk eines Gourmetkochs aus Concarneau, der ihn uns extra bestellt und nach Barcelona geschickt hat.

Liebe Grüße,

Boris

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Neues Video von Bord:

Fotos: J. Erdmann/YACHT

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6 Antworten auf Cuisine à la Barcelona World Race

  1. Jürgen sagt:

    Haute Cuisine…:-) Guten Appetit

  2. Roland Wallisch sagt:

    Das war wohl die richtige Entscheidung, Roland Jourdains Küche zu behalten. Ihr Küchenreport ist nämlich hoch interessant. Das ist wesentlich spannender, als jede Kochsendung im Fernsehen. Wünsche Ihnen weiterhin guten Appetit und ansonsten viel Glück und guten Wind!

    Herzliche Grüße aus Konstanz am Bodensee

  3. Michael sagt:

    Super ausführliche Proviantbeschreibung! Klasse!
    Den Geschmack von Drytech kann ich bestätigen, eine echte Premiumqualität bei den gefriergetrockneten Fertiggerichten.

    Nehmt doch beim nächsten mal noch gefriergetrocknetes Obst und Früchte mit. Crunchy und mit echten Vitaminen. Physalis oder Mango habe ich auf Tour immer mit dabei.
    Freue mich schon auf den nächsten Eintrag!

    Viel Spaß noch und guten Appetit! :-)

  4. Pingback: Lärmendes Surf-Video, Boris fehlen vier Meilen zur Mirabaud | SegelReporter

  5. Dr. Hans Rundfeldt sagt:

    Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem sportlichen Leistungen ohne größere Starallüren, der Artikel über ihre Ernährung und der Versuch, näheres über die Inhalte der von Ihnen verwendeten Nahrung zu erfahren lässt mich mutmaßen, dass ein deutlicher Mangel an Vitaminen, Mineralstoffen und Micronährstoffen in dieser Kost für wenige Tage sportlicher Höchstleistung zu überbrücken ist, bei langfristiger Ernährung fehlen jedoch Vitamine und Micronährstoffe wie z.B. Kalium, Magnesium, Zink, und vieles mehr, was im Zusammenhang mit sportlichen Höchstleistungen oder auch gesunder Ernährung eigentlich zu fordern ist, ohne Werbung machen zu wollen, wäre beispielsweise das Präparat Orthomol Sport als künstliche Zusatznahrung deutlich geeignet, der Trend zur Verwendung solcher Präparate ist in Deutschland relativ flach, in Skandinavien oder USA jedoch deutlich ausgeprägter, einfach nur gefriertrocknen erreicht meines Erachtens nicht

    Mit freundlichen Grüßen

    Rundidoc