“Aucune Route Passe“ – Etwas zum Routing

Stellen Sie sich vor, klassische Situation: Es ist Freitagabend, und Sie wollen von Hamburg (wo Sie vielleicht arbeiten) nach Berlin zu Ihrer Familie (oder umgekehrt). Der Rundfunk vermeldet Stau. Es stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, über Hannover zu fahren. Das Navigationssystem im Auto kann mit dynamischer Routenführung für Sie entscheiden, welche Route schneller sein wird. Sie trauen dem Navi oder vielleicht auch nicht. Aus Routine und Erfahrung wissen Sie, dass sich der Stau rechtzeitig aufgelöst haben wird.

Gleiches Problem an Bord: Wir wollen von A nach B und haben per Grib-File die Informationen zum Wind. Autonavi bei Ihnen und Bordrechner hier vollziehen die gleiche Prozedur: Sie „fahren” alle gangbaren Routen zwischen Start und Ziel ab und wählen dann die schnellste aus, so einfach ist das. Angefangen hat alles schon in Zeiten des ersten Ostar-Transatlantikrennens: Einer der Teilnehmer hatte das Verfahren ausgetüftelt und sich dann die Rechenergebnisse aus einem an Land stehenden Großrechner per Kurzwelle an Bord morsen lassen.

Neben dem Grib-File ist für das Programm natürlich unser berühmtes Polardiagramm wesentlich. Das Navigationsprogramm steht zum Startzeitpunkt am Startort A und entnimmt dem Grib den Wind und dessen Richtung zu diesem Zeitpunkt, schaut dann im Polardiagramm nach, wie schnell das Boot denn bei diesem Wind in bestimmte Richtungen segelt und lässt es für eine Stunde munter in die Richtung unseres Ziels segeln – nicht nur genau drauf zu, sondern in einem Fächer von Kursabweichungen. Nach einer Stunde macht es das Gleiche von jedem Endpunkt dieser ersten Segelstunde und immer so fort, bis eine der Linien als erste das Ziel erreicht … oder eben nicht! „Aucune Route passe“, verkündet unser Programm bisher in den zahlreichen Flauten dieses Rennens immer wieder, sprich: “keine Route passiert”.

Sobald wir ein Grib-File haben, lassen wir in unserem Programm „Adrena“ eine erste Rechnung durchlaufen, um einen ersten Überblick zu gewinnen. Idealerweise mit den Programmen GFS und ECMWF zum Vergleich. Anschließend „testen“ wir die Situation mit einem Verfahren, das wir „Balayage” nennen. Das Programm erstellt eine Handvoll Routen, variiert dabei die Winddatei und das Polardiagramm zwischen 80 und 120 Prozent in 10-Prozent-Schritten. So ergibt sich ein Bündel von Routen. Laufen sie alle halbwegs synchron, wissen wir, dass es wahrscheinlich eher mehr um die Feinabstimmung als um eine grundsätzliche Entscheidung für Optionen geht. Wir setzen dann für unsere maßgebliche Route einen Prozentwert für Polare und Grib ein, den wir in der Situation für angemessen erachten. Wir können dem Programm vorgeben, Gebiete mit einer bestimmten Windgeschwindigkeit zu umschiffen, z.B. alles unter 6 Knoten Wind und alles über 50 Knoten.

Zusätzlich können wir Grib-Files für Strömungen und Wellen hinzunehmen. Unsere Wellen-Files können die Dünung und die Windsee darstellen. Dem Programm können wir sagen, wie sehr uns Kreuzsee oder Wellen aus einem bestimmten Winkel aufhalten.

Was ist das Resultat? Wir können uns in unserem roten Rennstuhl zurücklehnen und stolz sagen: „Wir haben Daten. Eine Menge Daten.” Es ist doch toll, dass man heutzutage zumindest diese Gewissheit hat. Eins weiß ich sicher: Wir haben Daten.

Nun im Ernst: Es kommt jetzt mehreres auf einen zu. Die Wetterphänomene zu identifizieren, die maßgeblich sind, zu versuchen, die Zusammenhänge zu verstehen und sein Routing im Rennverlauf immer weiter inkrementell an der Realität abzuwetzen: Komme ich wirklich so schnell voran wie berechnet? Bewegt sich das Tief so schnell wie berechnet?

Und dann ist da noch etwas ganz Entscheidendes: die Praxis des Segelns. Das Hinauszögern eines Kurswechsels, weil dieser mit einem Segelwechsel verbunden ist. Das Hinauszögern, weil man noch den nächsten Positionsreport abwartet, um zu sehen, was die anderen machen … Kurz: sich permanent anpassen und abwarten. Ein Beobachten von Durchschnitten und Tendenzen. Dreht es wirklich jetzt schon rechts? Okay, also Segelwechsel. Dem geht oft eine längere Beobachtungsphase voran, denn ein Segelwechsel kostet hier viel Kraft und Zeit. Ich bezeichne das bisweilen als opportunistisches Segeln. Im Gegensatz zu blindem Aktionismus. Mit kühlem Kopf abwarten, was wirklich passiert, was realistisch ist, was die anderen machen.

Nun am Ende stelle ich mir die Frage, was ich nach unserer Atlantiketappe überhaupt noch sagen soll. Sicher war es nicht einfach. Einige Leute werden sicher sagen: “Hättet ihr doch auch eine Westroute genommen” (Anm. d. Redakt.: Gemeint ist ein Kurs mit dem Brasilstrom entlang der Küste Brasiliens nach Süden, dann Kurs Ost – ähnlich wie “Foncia” ihn einschlug), usw. … Das denken wir ja selber schon, das muss uns keiner mehr sagen. Wir bewundern Michel Desjoyeaux und Co. Er war eben diesmal radikal und wenig Opportunist (oder hat sein Stopp in Recife ihn auf diese Route gezwungen?). Doch das ist er oft: radikal. Die letzten beiden Male hat er sich mit einer extremen Option dem Rennen mehr oder weniger entzogen und ist zuletzt bei der Route du Rhum nur Vorletzter geworden. Hinterher ist man immer schlauer.

Es ist spannend, wie die Routingprogramme sich entwickelt haben. Doch eine so lange Passage durch ein solch dynamisches Gebiet, wie hier, liegt an den Grenzen des Kalkulierbaren. Dieses verfluchte St.-Helena-Hoch hat uns deutlich mehr gebeutelt als die Doldrums.

Zukunft des Routings: In der Zukunft werden wir die Ensembles mit einbeziehen können. Das heißt, dass „Balayage“ nicht nur bordseitig betrieben wird, sondern modellseitig, dass man z.B. das europäische Modell mit leicht variierten Ausgangsparametern etliche Male durchrechnen lässt und dann sieht, in welchen Regionen zu welchen Zeitpunkten das Wettermodell besonders instabil wird, sodass das im Routing berücksichtigt werden kann. Es gibt dazu ein erstes Projekt meines Freundes Gerald Bibot: www.greatcircle.be. Die Ensemble-Rechnungen werden bereits von GFS und ECMWF zur Verfügug gestellt, zu sehen unter www.wetterzentrale.de. Dort bei Karten: Ensembles suchen. Man findet dann die sogenannten Spaghettidiagramme, welche die Modellstabilität ablesen lassen.

Mein wichtigster Beitrag zum guten Wind: einen kräftigen Schluck Schnaps an Rasmus, unseren Meeresgott, ausschenken.

Liebe Grüße
Boris

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Eine Antwort auf “Aucune Route Passe“ – Etwas zum Routing

  1. Dirk sagt:

    Lieber Boris,

    wenn ich das lese, muss ich immer an den guten Giovanni Soldini denken, der nach meinem Eindruck tendenziell immer dicht entlang der Orthodrome gesegelt ist, wohl in der schlichten Erkenntnis, wenn alles unsicher ist, bleibt wenigstens der kürzeste Weg der kürzeste Weg! Außer man macht es so radikal wie MD – wird dann aber mitunter auch mal Vorletzter. Schwierig, schwierig das ganze. Weiterhin eine glückliche Hand zwischen wissenschaftlich-analytischen und opportunistischen Entscheidungen,

    Herzlich, D