Im Hier und Jetzt

Routine auf See – für einen Moment. Uff.

Das leise Piepen meiner Armbanduhr weckt mich. Ich war eh schon nur noch im Halbschlaf. Ich hab tatsächlich vier Stunden geschlafen, von fünf bis neun Uhr. In den vergangenen Tagen seit den Kanaren habe ich nie das Piepsen meiner auf drei Stunden eingestellten Uhr gehört, weil ich immer früher raus musste. Jetzt haben wir beide Schaf nachgeholt, Ryan hatte auch eine gute Mütze, während ich letzte Nacht Wache schob. Nach meinem ersten Kaffee auf dieser Reise, einem Müsli und einem schweißtreibenden Segelwechsel unter brutaler Sonnenbestrahlung – von kleinem auf großen Gennaker – und anschließend einer Prise Rolling Stones fühle ich mich nun wie neu, erholt und bereit für was auch immer für Schweinereien die Doldrums für uns vorgesehen haben.

Beim Grinden schmerzt die durchs Shirt hindurch sonnenverbrannte Haut auf dem Rücken. Die Luft ist ölig und heiß. Ich glaube, es ist der ideale Moment für eine Dusche, eine typische Hochseedusche – Eimer und Meerwasser.

Diesen schönen Morgen und die relative Erholung haben wir einer gütigen Windsituation zu verdanken. Diesem Link folgend könnt ihr die aktuellen Scatterogramme einsehen, die wir in dieser Region als einzige Windinformation neben normalen Satellitenfotos nutzen.

Klickst du auf der Übersichtskarte auf unsere Region (2 Grad Nord und ca. 30 Grad West), kommst du auf das aktuelle A-Scat Bild. Es handelt sich um eine Grafik mit Windpfeilen, die von einem Satelliten aus gemessen werden anhand der vom Wind verursachten Riffelung der Wasseroberfläche. Klassischerweise hat man dies als „Quickscat“ standardmäßig beim Regattasegeln verwendet. Leider ist ein Lager an der Quickscat-Kamera in dem Satelliten defekt, sodass wir nun nur noch die A-Scat-Bilder zur Verfügung haben, mit dem Nachteil, dass diese Kamera mehr oder weniger nur zur Seite aus dem Satelliten schauen kann und daher bei jeder Erdumrundung größere Flächen weiß, also unbeobachtet bleiben.

Was man jedenfalls sieht, ist, das NE- und SE-Passat fast direkt ineinander übergehen. Abgesehen von einer mächtigen Schauerwolke gestern, haben wir bisher überraschend stetigen Wind. Unnormal für diese Region. Gestern in der Schauerbö drehte der Wind natürlich mächtig auf die Nase, sodass wir mitten im vollen Regen eifrig am Grinder stehen. Der Regen wäscht das Salz aus den Haaren und dem Gesicht in unsere Augen. Es schmeckt salzig, und wir können beide nichts mehr sehen, die Augen voller Salz.

Das Süße an Tagen wie heute ist, dass es keine Zeit mehr gibt, keine Vergangenheit, keine Zukunft, wir leben im Hier und Jetzt mit jedem Winddreher. Die Tage fliegen vorbei, die Meilen rieseln langsam in unser Kielwasser, alles scheint in Ordnung und im Gleichgewicht, das Rennen selber spielt sich in jeder Handbewegung ab, im Konkreten, Umstauen des Materials nach vorn für die Flaute. Die nicht fassbare, abstrakte Vorstellung einer Nonstop-Weltumseglung ist wenig von Bedeutung. Wir wollen bis zum Äquator und dann neuen SE-Passat schnappen. Wir beobachten etwas das St.-Helena-Hoch, aber keiner redet hier von den verbleibenden 80 Tagen, den verbleibenden 11 Wochen oder zweieinhalb Monaten, den 25.000 Seemeilen, von denen wir erst einen Bruchteil hinter uns haben. Also, ich gehe mal wieder an Deck und versuch die nächste Meile so schnell wie möglich einzuloggen.

Bis später. Liebe Grüße

Boris

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2 Antworten auf Im Hier und Jetzt

  1. Jürgen sagt:

    Viel Glück bei Eurer Routenwahl !
    Gruß,
    Jürgen

  2. Andreas Lindlahr sagt:

    Sehr schön geschrieben Boris! Man hat das Gefühl dabei zu sein. Es erleichtert das “DAHEIM-GEBLIEBEN-SEIN” aber leider nur geringfügig. Macht weiter so! Andreas