Basteln an Bord

Der Tag beginnt mit einem Batterie-Blackout. Ryans Ruf reißt mich aus dem Schlaf, er steht an der Pinne. Das ist nicht normal, normalerweise ist dann etwa mit dem Autopiloten im Argen. Ich schaue mich kurz um, und er ruft mir zu, dass die Batterien abgeschaltet haben. Er ist sichtlich gestresst und sauer. Kein ideales Morgenprogramm. Aber es ist eher die Regel als die Ausnahme, dass plötzlicher Handlungsbedarf und nicht mein Wecker die zwei oder drei Stunden Schlaf beenden. Ich schalte drinnen an unseren Batteriecontrollern herum, starte die Instrumente neu. Die zwei Hauptbatterien lassen sich nicht mehr parallel schalten, so wie im normalen Betrieb. Ich denke, dass wir sie vielleicht zu sehr geladen haben mit unseren Hydrogeneratoren. Schaue mir die Ladekurve am Rechner an, schaue hier und dort, dann der Blick in die Batteriefächer. CB1, die Steuerbordbatterie, ist an und nicht warm, alles normal. CB2 an Backbord ist aus, die Kontrolldiode am Pelicase, in dem die computergesteuerten Lithiumionenbatterien stecken, ist aus. Erleichterung, als ich sogleich den Grund entdecke: Die Batterie hat sich losgerüttelt und ist gegen ihren Notausknopf gerutscht. Ein Problem, das wir schon mal hatten. Fehler geht auf das Konto eines Kairos-Mitarbeiters.

Der Tag kann also losgehen. 7 Uhr. Zeit, die Satellitenantenne zu starten und die neuesten Wetterfiles einzusammeln: Um 4 Uhr kommen Marcel van Triestes Fronten und sein Textwetterbericht, um 5 Uhr ist das Mitternacht-GFS-Modell verfügbar, um 7 Uhr 10 das europäische Modell, welches uns am meisten interessiert. 7 Uhr ist also eine gute Zeit, um alles in einem Abwasch runterzuladen. Wir sind auf dem Weg nach Westen einer Kaltfront entgegen und checken deren Position am Satellitenbild. Alles scheint konsistent zu sein. Weiter geht also die Reise nach Westen, so schnell wie möglich. Nächster Tagesordnungspunkt ist das Positionsupdate um 9 Uhr UTC. Um 10 gibt’s dann normalerweise eine kurze Videokonferenz mit den Rennveranstaltern. Doch heute gibt es irgendwelche Audioprobleme. Weiter geht’s.

Am Nachmittag riecht es plötzlich nach Diesel. Etwas Suche und wir finden, dass er aus einer Tankentlüftung bei der starken Schräglage überläuft.

Gefriergetrocknetes Mittagessen. Heute miserable Sorte erwischt, kann es kaum riechen, esse nur die Hälfte, der Rest geht über Bord. Dann wird es richtig ruppig, die Front kommt näher. Zwischen den Schauerböen sehen wir zwei unserer Konkurrenten, Aviva und Mapfre. Der Wetterbericht hat 5 Meter Wellenhöhe vorhergesagt. Wir laufen im zweiten Reff und unter Solent bei bis zu 30 Knoten Wind mit 11 Knoten am Wind. Das ganz große Gemetzel bleibt aus, Regen setzt ein, das Baro fängt an zu steigen, es dreht abrupt rechts. Wir laufen noch eine halbe Stunde weiter, dann erkenne ich zwischen den Regenwolken, dass Mapfre gewendet hat. Wir machen uns klar, ebenfalls zu wenden und krabbeln zum Umstauen ins Vorschiff. Man wird brutal hin und hergeschleudert und soll nun die schweren Segelsäcke und den gesamte Proviant sowie alle Ersatzteile von einer auf die andere Seite wuchten. Wir sind bei den letzten Taschen angekommen, da hören wir ein Zischen. Der Kiel hat ausgelöst und gleitet nach Lee. Ich stürme nach draußen, während sich Neutrogena langsam auf die Backe legt. Ich kann eine Patentwende nicht mehr verhindern, die Fock steht back, und wir holen weit über. Wir driften rückwärts komplett in Wrackposition. Wir wissen bis jetzt nicht, wie das passieren konnte. Haben nach einer Stunde Grinden alles wieder im Griff, die Schwerter sortiert, den Mast gedreht, die völlig verhedderte Vorsegelschot wieder freigearbeitet und den Wasserballast an die richtige Stelle gepumpt.

Endlich geht es auf nach Süden, das erste Mal in diesem Rennen mit guter Geschwindigkeit in die richtige Richtung, nach einer Woche Kampf endlich gute Fahrt auf dem Atlantik in die Abendsonne.

Der Tag hat noch ein paar Bastelprojekte für uns in petto: Entlüftung des Watermakers und Justierung des Hydraulikdrucks in den Hydrogeneratoren. Nun läuft alles, beide Batterien arbeiten brav und nehmen ihren Ladestrom auf, Neutrogena bolzt munter gen Süden gegen eine nicht allzu schlimme See. Jedenfalls haben wir keine Angst. Ich bin froh und erschöpft. Ab in die Koje für zwei Stunden Schlaf.

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5 Antworten auf Basteln an Bord

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  2. Christiane B. (Strackerjanstr.) sagt:

    Puh, das hört sich ja echt nach Stress an! Ich hab’s lieber, wenn Du schreibst
    “Neutrogena bolzt munter gen Süden”. Wünsch Euch, dass es ab jetzt so weitergeht! Viel Glück!
    Christiane

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  5. Silke sagt:

    Frage mich gerade, warum ich nicht schon früher in Deinem Web gesurft habe. Geniale Eindrücke, Kommentare und Fotos/Videos. Ich bin “nur” Fahrtensegler, aber den Wein haben wir dann schon dabei. Ich poste hier, da Du über Euren Hydrogenerator sprichst, es wäre super, wenn Ihr weitere Erfahrungen mitteilen könntet, denn wir überlegen für unsere Langfahrt auch einen zu montieren (klar, nicht die Regattaversion), EFOY Brennstoffzelle war eine Überlegung, aber bei uns (momentan auf den Kanaren) scheitert es an der Methanolbeschaffung. Weiterhin viel Glück und einen fairen Wind
    Silke