Ich mache drei Kreuze!

Schwer, die Augen aufzuhalten; ich stiere vor mich hin, Sekundenschlaf, schaue wieder auf, der Computerbildschirm blendet mich. Vor mir baumelt das geringelte Kabel des Satellitentelefons. Ich steck mir Musik in die Ohren und mach sie richtig laut. Mal sehen, ob das wirkt und ich es schaffe, ein paar Zeilen zu schreiben.

Nein, der Kopf knallt mir auf die Brust, außerdem sehe ich nur noch 11 Knoten Windgeschwindigkeit am Display neben dem Computerbildschirm. Ich fühle mich schwer, wuchte mich hoch, hangle mich durchs Stockdunkle nach draußen ins Stockfinstere. Wir laufen mit guter Fahrt hoch am Wind. Es ist zu dunkel, um zu sehen, ob der Wind einer Wolke wegen abnimmt. Ich hadere zehn Minuten, dann ziehe ich die Tripleinen, kleine Strecker wie auf einer Jolle, die mit den Stopperklemmen im Ende des Großbaumes verbunden sind. Ich öffne so die drei Reffleinen. Noch eine Trippleine für das Cunningham, kurz nach vorne zum Mast gehen und das Cunningham aushaken, dann kann die Arbeit beginnen.

Langsam in einem schweren Gang beginne ich das Großsegel hochzuwinschen, auszureffen, damit aus unserer guten Fahrt eine optimale Fahrt wird. Nach ein paar Winschzügen kommt Ryan aus der Kabine getaumelt und hilft mir wortlos beim Grinden und verschwindet, als die Markierung auf dem Großfall im Schein unserer Pianobeleuchtung auftaucht und anzeigt, dass das Segel am Masttopp angekommen ist, genauso wortlos und schlaftrunken wieder in der Koje. Weiter geht’s mit 1o Knoten Fahrt bei etwas auffrischendem Wind.

Ich bleibe draußen, in der kalten, frischen Luft ist es einfacher für mich, wachzubleiben. Erst als das Tageslicht aufzieht, fließt wieder genug Saft durch meine Adern, damit ich diese Zeilen schreiben kann, ohne nach jedem Wort einzuschlafen. Ich schaue mir das Wetter an. Wir laufen genau nach Westen auf eine Front zu, die wir morgen Nachmittag auf ca. 15 w passieren wollen, um dahinter dann mit Nordwestwinden nach Süden zu segeln.

Das Wetter der vergangenen Tage hat uns diese Müdigkeit eingebrockt. Wir sind in Gibraltar 24 Stunden auf der Stelle gekreuzt in der gegenlaufenden Strömung. Das hat uns fast den Verstand geraubt. Ich mache innerlich drei Kreuze, dass wir aus dieser Hölle raus sind und es normal vorangeht. Ich meld mich ab in die Koje für die typischen drei Stunden hoffentlich.

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4 Antworten auf Ich mache drei Kreuze!

  1. Olaf sagt:

    Gottseidank seid Ihr der Straße von Gibraltar endlich entkommen! Jetzt kann’s richtig losgehen – noch ist keiner so weit weg, dass nicht alles drin wäre! Viel Erfolg!

  2. Eric sagt:

    Hallo Boris,
    ich verfolge schon seit Tagen gespannt, was Ihr da tut.
    An der Strasse von Gibraltar hattet wohl echt Ihr Pech, so be it, aber das sieht immer noch gut aus, was Ihr da treibt.
    Rasmus ist am Ende aber gerecht. Mal trifft´s den und mal jenen.
    Just go for it. Ich fiebere mit Euch.
    Gruß

  3. Pingback: Harte Kreuz nach Flaute. Herrmann hält sich gut auf Platz 5 | SegelReporter

  4. Katharina sagt:

    schön von euch zu hören! Großes Mitgefühl bei eurem Aufgekreuze.
    Weiter so und dicken Gruß