I am ready

Montag, 1. Dezember. Wir sind bereit. ICH bin bereit. Zahnbürste, Handy und Portemonnaie in meinem Rucksack, Segelkleidung in einer wasserdichter Tasche … All das andere Hab und Gut meiner Wohnung in Concarneau ist in deutschen Umzugskartons verpackt und auf einer Palette in Folie eingeschweißt in die Ecke der Werfthalle geräumt. Es kann losgehen. Ich fahre wegen Eisgefahr vorsichtig über die Landstraßen durch meine mittlerweile zur Heimat gewordene Bretagne, um unser deutsches Crewmitglied abzuholen: Den amtierenden Europa- und Weltmeister im 505er – meinen alten Kumpel Julien, dessen Flieger wegen Schnee in HH einige Stunden verspätet ist.

Wir haben es eilig. Ein Tief steht über den Azoren und driftet auf die Portugisische Küste zu, droht uns den Weg ins Mittelmeer zu versperren. Zwischenstopphäfen sind organisiert, ob wir es schaffen ist jedoch fraglich. Unser Shoreteam hat mit den Hafenmeistern in Baiona und Cascais telefoniert, um unseren eventuellen Zwischenstopp vorzubereiten, sollten wir es nicht vor dem Tief schaffen.

Es zählt also jede Stunde. Für Julien gibt es kein Pardon, keine Eingewöhnungsphase. Kaum ist der Wagen neben dem Boot geparkt, geht es im Dunkeln über einen vereisten Steg an Bord. Das Handgepäck unter dem Arm, ohne Zeit sich umzuziehen. Was für ein Kontrast zur “HSH Nordbank”, seinem normalen Arbeitsplatz bis vor ein paar Stunden. In den folgenden Tagen wird er den Kontrast zwischen unseren Arbeitsplätzen des Öfteren konstatieren, besonders bei der Ankunft in Barcelona und einem typischen „Geschäftsessen“ eines Segelrennstall nach getaner Arbeit. Da geht es hoch her …

Um es vorwegzunehmen: Wir haben das Rennen gegen das Tief gewonnen, aber sind dafür drei Tage lang bei 38 Knoten am Wind geknüppelt. Juliens Kommentar: “Das ist ja unmenschlich und hart”. Doch heute Morgen wurden wir für alles mehr als entschädigt: Segelstunden, für die man auch 3 Monate am Wind segeln würde, in aufgehender Sonne Vollgas über die flache See heizen bei 20 Grad. Dieses unbeschreibliche Gleiten einer großen Yacht, dieses unbeschwerte Wellenreiten ohne Pause, dieses Dahingleiten und mit-den-Wellen-spielen. Bis zu 34 Knoten Wind, großer Spinnaker und volles Großsegel. Julien steuert das ganz lässig. Als Jollensegler hat er das Feeling, ist dennoch beeindruckt von der Größe, diesem großen Geschoss.

Am Steg in Barcelona gibt es Begegnungen: Jean Le Cam (President) hatte die gleiche Strecke wie wir nur 12 Stunden eher bezwungen, ebenso Alex Thomson (Hugo Boss). Plausch auf dem Steg mit Alex’ Bruder David Thomson, den Julien und ich gut vom Portimao Global Ocean Race kennen. Unser Shoreteam ist übernächtigt, die Nacht im Laster durchgetruckt. Unser Bürocontainer ist aufgebaut, der Werkstattcontainer aus Concarneau eingetroffen, das Schlauchboot im Wasser. Alles ist gut vorbereitet und läuft wie am Schnürchen.

Der Empfang ist kühl, professionell. Mit dem Shoreteam klettert schon im Vorhafen der Elektroniker aus dem Schlauchboot an Bord und zieht mich gleich nach unten. Wir starten mit den ersten Punkten der Workliste und bevor das Boot fest macht hab ich keine Gelegenheit, überhaupt etwas von Barcelona zu sehen. Kurzes Interview, dann ist endlich Zeit für unser Mittagessen. Große Überraschung: am Gebäude der Rennveranstalter prangert groß ein Bild von Ryan und mir. Mit groß meine ich groß, siehe Foto. 70 Meter lang?

Die Überführung ist gut gelaufen. Gute Stimmung, aber große Erschöpfung – denn ich habe viel gemessen, nicht viel geschlafen, viel beobachtet und gearbeitet, um alle System final zu checken. Also erstmal ankommen, etwas ausruhen. Ich bin bereit für ein Bier, ein Steak. Ich bin bereit für das Rennen. Ein gutes Gefühl. Ein Jahr harte Arbeit liegt hinter uns. Ein erster Erfolg. Wir sind am Start. Liebe Grüße aus Barcelona.

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9 Antworten auf I am ready

  1. Randolf Klein sagt:

    Herzlichen Glückwunsch zum gelungenen Auftakt. Ich freue mich schon drauf Dich und Deinen Mit-Skipper auf dem Rennen virtuell zu begleiten, wie schon beim Portimao Global Oceans Race.

    Fair winds.

  2. Meike sagt:

    Männer, ich freue mich für Euch, dass Ihr so eine aufregende und schöne Überführung hattet. Genießt die Sonne in Barcelona! Meine Vorfreude auf Silvester dort steigt.
    Super Artikel, Boris!

    Mit besten Grüßen aus Kiel

  3. Christiane B. (Strackerjanstr.) sagt:

    Bonjour Boris!
    Freue mich auch schon auf den Start am 31. Dezember & ein aufregendes, spannendes Rennen, Dein Bericht & die Fotos machen Lust, Euch wieder zu “verfolgen”,
    bon vent & lieben Gruß aus OL,
    Christiane

  4. Manfred sagt:

    Smooth Sailing Boris!
    Tolle Blogseite. Das richtige zum 11.00h Kaffee.
    Viel Erfolg.
    Manfred

  5. Holger sagt:

    Meinen allergrößten Respekt vor eurer Leistung. Ich wäre verdammt gerne zum Start in Barcelona. Vielleicht klappts bei der Ankunft.

    Bonne chance
    Holger

  6. Ingo Meyerrose sagt:

    Toller Bericht und ich freue mich auf das Rennen! Ich drück die Daumen!

  7. Michael sagt:

    Klasse Aktion Jungs! Alles geben beim Rennen und von mir auf jeden Fall alles Gute!

    Gruß aus Kiel!

    Michael

  8. Jochen sagt:

    Ich übe jetzt ständig wirkungsvolles Winken … bis bald.
    Jochen

  9. thomas schroeder sagt:

    hi boris!

    vorab, bevor der ganz große run einsetzt, wünsche ich euch alles gute für’s rennen!
    sieht aus, als hättest du schon vor der startlinienüberquerung gewonnen. großartig, das alles so auf die beine zu stellen.

    kommt gut und zügig rum

    thomas