Puzzle to go und Café au lait

Kielhydraulikzylinder, Hydrogeneratoren, Autopilothydraulikpumpen, Pilot-Prozessor, Kiel-Achsen, Ruder, Ruderlager, Lümmelbeschlag, Segel, Tauwerk …

Ziemlich fleißig geht es dieser Tage bei uns zu. Ich kümmere mich überwiegend um Elektronik, war den Vormittag heute bei NKE, aber stündlich wandern Teile unseres Schiffes in den Händen von Jean-Pierre, Philoun, Ludo, Yann, Luis, Thomas und Ryan über den Steg zum oder vom Boot Richtung Halle. Die Kielzylinder fahren vormittags im Kairos Van, dessen Seiten von einem riesigen Foto unseres Schiffes bedeckt sind, nach Brest zur Radiographie, sind abends wieder eingebaut; die Kielachsen nach Lorient zum Vermessen, ich düse ab nach Hennebont mit Prozessor und einigen Interfaces im Rucksack.

Der NKE Ingenieur (NKE ist der Hersteller unserer Bordelektronik) hat es eilig: Mittags muss er auf Michel Desjoyeauxs` Foncia sein. Bis dahin will er versuchen, meinem Problem auf die Schliche zu kommen, denn das gleiche System steckt in Foncia (und wir sind die einzigen beiden Schiffe, die überhaupt mit diesem System segeln); er will das System stabil haben, bis die Route du Rhum in 2 Wochen startet. Mails gehen nach Paris zu den Entwicklern des Kompasses, wir dekomprimieren die Datalogs unserer Trainingsregatta und wühlen uns gemeinsam durch ein Excelschlachtfeld. Sein Schreibtisch – voller Oszillographen, blinkender Dioden, Lötkolben, Platinen und Bootsteilen. Ich bin zufrieden mit unserem Vorankommen und unserer Diskussion. Wir arbeiten Hand in Hand. Er braucht eine genaue Beschreibung der Situationen, in denen wir Probleme hatten. Ich nutze meine Notizen. Erschöpft verlasse ich die Entwicklerbüros am Ende des Vormittags. In der Eingangshalle bleibe ich kurz vor einem Modell unseres Schiffes stehen, erfreut es dort zu entdecken, etwas stolz aber eilig, wieder nach Concarneau zu kommen. Eilig? Nicht dieser Tage in Frankreich. Eine Demo versperrt die Autobahn. Zwei Stunden zuckel ich durch pittoreske Dörfer und über verstopfte Landstraßen.

Am Nachmittag sind der Pilotprozessor und die anderen Teile wieder eingebaut. Ich installiere neue Kalibrierungssoftware und gebe die Boots-Parameter ein: Ip Adresse, Baudrate unserer GPS, Typ der Mastrotationssensoren, NMEA Kennzahlen usw. Einige neue Funktionen sind vielversprechend, der Prozessor kann nun eigenständig den Typen des verwendeten Kompasses erkennen. Im Falle einer Panne kann ich also einfach umstöpseln und muss nicht mehr komplizierte Einstellungen von Baudraten und Bus-Kanälen vornehmen. Ein neuer Wert wird jetzt in den Instrumenten angezeigt, die magnetische Norm: ein Qualitätsmaßstab für die Konsistenz der magnetischen Messwerte.

Doch wer arbeitet, muss auch feiern können; das haben wir uns nach der erfolgreichen Testregatta verdient. Freitagnachmittag gerade in Concarneau festgemacht, saß ich zwei Stunden später mit Freunden im Auto nach Paris zu einem Wochenende außerhalb der Segelwelt. Ecole des Beaux Arts, Ted Konferenz (www.ted.com), Louvre, WG-Party und Zug durch ein paar Bars: Wiederauftanken mit geistiger Anregung und inspiriertem Austausch nach 7 Tagen Amwindsegeln im grauen Atlantik. Ein genialer Kontrast: Mittags noch starre ich fasziniert durch den Dunst zu Jean Le Cams neuem Open60, der uns in der Bucht von Concarneau entgegenkommt (wird als „le President“ (Käse-, oder Keksemarke oder so was) am Barcelona Rennen teilnehmen), jetzt rattert die Metro in die Station und ich starre etwas ungläubig in die Gegend.

Mit einer FAZ unterm Arm und einem großen Café au lait to go starte ich in ein quirliges Gewirr, in mein zweites WE dieses Jahr, an dem ich nicht nah beim Schiff bin, ein lebensrettendes, gutes Wochenende.

Die Pariser WG-Truppe kommt heute zum Gegenbesuch, ein Startup-Typ, ein Landwirt, ein Agronom, ein Berater. Der bretonischen Tradition nach pflücken sie Champignons in den Wäldern am Wegrand auf der Fahrt hierher, der Landwirt hat eine Gans dabei, sie zaubern ein hervorragendes Dinner. Morgen, wenn ich mich wieder mit Kabelage und Ersatzteilen beschäftige, geht’s für sie weiter nach La Torche, hier um die Ecke zum Wellenreiten oder zum Point du Raz zum Apnetauchen. Wenn ich Glück habe, kommen sie abends wieder mit harpunierten Fischen. Die Bretagne ist für mich längst zur Liebesgeschichte geworden. Die Bretagne, heute ganz im Zeichen der Route du Rhum (mehr als im Zeichen des Streiks); Poster an Litfasssäulen und Plakatwänden, Fernsehwerbung, emsiges Treiben in Lorient, Concarneau, Port la Foret bei den Segelteams. Ryan ist heute mit Bilou unserem Boss – Roland Jourdain – zum letzten Training draußen gewesen, sie haben unseren Spinnaker getestet. Abends stehen wir zu dritt auf dem Steg und fachsimpeln (Das Foto zeigt die gleiche typische Situation vor ein paar Monaten). Wir fachsimpeln über die Luvkurve der neuen Spinnakergeneration. Doch keiner gerät dabei aus dem Häuschen oder in größere Passionswallungen. Wir wollen uns austauschen und abstimmen aber innerlich sind wir drei schon gestartet, Bilou in St Malo, wir in Barcelona und ich bin vielleicht noch halb in meinem Pariser Straßenkaffe. Trotzdem bricht am Abend der Van wieder auf. Richtung Vannes zu North Sails. Die Luvkurve wird nachgeschneidert und abgeflacht. Es ist unser Job dieses Rennen, oft Routine in der Vorbereitung, doch nach einer erfolgreichen Generalprobe und mit frischer Inspiration läuft es einfach, läuft es rund.

Boris Herrmann | Create Your Badge

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2 Antworten auf Puzzle to go und Café au lait

  1. enzo sagt:

    Vielen Dank für die interessanten Einblicke hinter die Kulisse!!
    Wünsche euch einen erfolgreichen Endspurt. Hoffentlich bleibt auch während den letzten Wochen mal noch Zeit für einen Café au lait.
    Gruss enzo

  2. Christiane B. (Strackerjanstr.) sagt:

    Salut Boris!
    War gerade in der Bretagne in der Nähe von Vannes (Ile aus Moines) und habe dort nen schönen Urlaub verbracht, so daß ich erst heute Deine letzten blogs lesen konnte. Und wie immer sind sie interessant, schön geschrieben – der kleine Vogel hat meinen Respekt – spannend und auch für Nichtsegler einfach toll :-) Freu mich auf mehr.
    Glg, Christiane