Die Trainingsregatta

Ryan am Grinder, raue See

Eine Woche sind wir nun auf See. Eine harte, denkwürdige, unvergessliche Woche. Eine gute Woche, weil wir uns im Trainingsrennen achtbar geschlagen haben: Erste in Gibraltar (Start war am 4. Oktober in Barcelona) und Zweite vor dem Abbruch der Regatta Samstagmorgen mangels „Hinterbliebener“ (nur noch 3 von 7 Startern im Rennen) nahe der Kanaren. Außerdem heute 13 Seemeilen in Führung liegend bei unserem Matchrace nach Norden. Über Satellitentelefon haben wir uns mit dem Konkurrenten “Movistar” abgestimmt, die Heimreise als Rennen zu gestalten.

„So kann es auf See also sein“, erinnere ich mich. Ich habe Tage, wie die vergangenen schon erlebt – besonders bei unserem Schwerwettertraining auf der winterlichen Nordsee, als ich für Logemann-Yachting gearbeitet habe. Eine Front, die durchzieht und dann weg ist, ist ja eine Sache, aber diese letzten Stunden und Tage waren wie eine permanente Front. Schauerböe nach Schauerböe, bis zu 48 Knoten. Nach der ersten Frontpassage und unserer Wende mit dem Rechtsdreher wissen wir nicht, wohin wir steuern sollen. Wir rumpeln derart fies gegen die jetzt genau von vorne kommende Welle, dass wir akute Angst um Rigg, Kiel und Schiff haben. Wir versuchen langsam zu segeln, das Schiff absichtlich zu krängen und füllen beide Frontballasttanks, steuern von Hand durch die graue Wüste chaotischer Wellen. Doch trotz allem gibt es immer wieder markerschütternde Schläge. Ich resigniere innerlich etwas. Weiß auch nicht weiter. Irgendwann ist das vorbei und wir haben einen neuen Kampfgegner: eine riesige, schnell laufende Dünung von Westen, die jedes normale Segeln abermals unmöglich macht. Beim seitlichen Anstieg auf einen Wellenkamm schlägt die Fock back und wir taumeln nach Luv. Auf dem Wellenkamm packt uns der kräftige ungebremste Wind und schmeißt uns auf die Seite. Stunde um Stunde sitzen wir am Ruder. Dazu kommen die Schauerböen. Es
war gerade eine Weile schwächer und wir sehen uns gezwungen auszureffen, um nicht unkontrolliert in der Dünung umherzuschwanken, sind gerade halb im zweiten Reff keuchend am Grinden, da trifft uns wieder eine Böe. Unvermittelt und nicht vorhersehbar. Einfach so aus dem grauen Himmel. In der Nacht vor dieser war ich schon platt, in den darauf folgenden Tagen habe ich mehrere Stadien von Erschöpfung erlebt, mich gezwungen etwas zu essen, um wieder zu Kräften zu kommen, mich irgendwann an die Verhältnisse gewöhnt. Eine Woche permanentes Grinden und Umherwuchten von Segelsäcken. Finger und Hände geschwollen, salzig und bereit für das nächste Segelmanöver, das nächste Level, Anstrengung existiert nicht mehr. Empfindungen abgestreift, wir “funktionieren”.

Ein riesiges Tief hat diese Woche geprägt, den erwarteten Passatwind abgewürgt und uns diese Fisitäten, die Nässe bis in die Pupille, das unendliche Grau und diese kaputte See beschert. Ich erinnere mich nicht, auf einem Satellitenbild oder einer Wetterkarte jemals so einen riesigen Zyklon gesehen zu haben, eine solch riesige Spirale, die sich von Nordeuropa bis Nordafrika erstreckt. Gestern, auf dem Weg nach Norden die letzte pikante Kostprobe: Wir wähnen uns in einer konstanten Wettersituation; unsere Gribfiles – also die elektronischen Vorhersagedaten – stimmen exakt mit der
Realität überein, wir segeln mit einem Schrick nach Nordost und warten auf einen
Winddreher, um dann zu wenden. Der Winddreher kommt nicht wie vorhergesagt
mit einer stetigen Windabnahme, sondern mit einem plötzlichen Sturm. Aus 24
Knoten werden in Minuten 30 – und einen Moment später sehen wir 45 Knoten Wind
auf den Instrumenten. Unsere unglaublich steife Open60-Yacht hält Kurs, trotz 40 Grad Lage, schießt mit 22 Knoten nach vorne, gräbt den von Wasserballast schweren Bug in die graue See und beschießt das Cockpit mit einem Wasserfall. Erschrocken verharren wir einige Minuten unter unserem Kajütdachüberhang. Die Hinterkante des Kajütdachs sieht im Schein der Stirnlampen aus wie die Abrisskante eines Yachthecks. Wasser schießt
horizontal nach hinten. Den Kopf hochzurecken, um nach vorne zu schauen, wäre eine ebenso absurde Idee, wie bei voller Fahrt den Kopf am Heck unter Wasser zu stecken, um nach vorne Ausschau zu halten. Es ist schwer, unter einem Wasserfall heraus etwas zu sehen oder die Lage einzuschätzen. Die Krängung der Yacht kann man nur erahnen. Ich hab die Großschot in der Hand, Ryan den Traveller, beides gefiert, aber wir können nicht sehen, wie das Groß steht. Wir haben Angst es zu weit zu fieren, so dass die Latten gegen
die Wanten drücken und dann die Mastschiene aus dem Mast hebeln könnten. Einen Moment hoffen wir einfach, dass es vorbeigehen möge – aber es nimmt eher zu. Also raus aus der Deckung: Reffen! Es haut mir die Stirnlampe vom Kopf, Wasser knallt in die Ohren, in die Augen. Ein Mechanismus aus Handgriffen spult sich im Zeitraffer ab. Das Groß zerrt wie ein wild gewordenes Pferdegespann an seien Mastrutschern. Unser Adrenalin entlädt sich am Grinder. Wir kurbeln gemeinsam an der roten Reffleine, abermals, vielleicht zum zwanzigsten mal in den letzten 30 Stunden. Die Zeit steht still, während mein Körper als Winschmotor arbeitet, fliegen mir absurde Gedanken durch den Kopf, wie in einem Traum: Das Farbschema unserer Reffleinen ist wie ein fiktives Parteiensystem im zukünftigen Deutschland, fantasiere ich: Erstes Reff: Grün, zweites Reff: Gelb, drittes Reff: rot. Derart aufgeladene Farben machen Verwechslung
unmöglich. Die eingetakelte Markierung auf der Reffleine kommt in den Lichtkegel der Pianobeleuchtung. Piano nennen wir die zentrale Anordnung im Cockpit, wo alle Fallen und Strecker ankommen. Ryan klettert nach vorne, um das Cunningham einzuhaken. Wenn er jetzt über Bord gehen würde, wäre ich außer Stande ihn zu bergen, denke ich. Die Situation ist unter Kontrolle aber der Stress noch nicht zu Ende. Die Böe mit ihrem Winddreher hat uns mit einem Verkehrstrennungsgebiet voller Frachtschiffe auf Kollisionskurs gebracht, das ich hoffte, im Norden zu passieren. Noch eine halbe Stunde
bleibt uns, bis wir einer Armada von Frachtern vor den Bug laufen. So viel Zeit etwa, wie wir für eine Wende unter diesen Bedingungen brauchen. Im ersten Moment frage ich mich, ob wir bei dem Wind überhaupt wenden können. Dann kommt auch noch ein Tanker genau auf uns zu, außerhalb des Verkehrstrennungsgebietes. Ich funke ihn an. Am Bildschirm kann ich sein AIS-Signal sehen, seinen Namen und dass er schon viel zu nahe ist. Der Tanker antwortet sofort und sagt, er würde vor uns passieren. Doch das passt nicht, das kann ich sehen. Dafür ist er zu langsam und wir zu schnell. Ich fauche
den Mann am anderen Ende des UKWs auf Englisch an, überrascht über den Zorn

in meiner Stimme: Er solle seinen Kurs 90 Grad nach Backbord ändern, wir seien ein Segelschiff, hätten Wegerecht, ob er das Verstanden hätte („Do you copy? Over.“). Ein beschwichtigendes: „Jaja, ich habe verstanden“ kommt zurück. Ich stürze nach draußen und sehe, wie der Riese abdreht, 90 Grad nach Backbord, und kurz hinter uns durchgeht. Uff. Jetzt noch 25 Minuten bis zur Gefahrenzone. Wir haben noch unseren Segelstack auf der hohen Kante. Im Eiltempo lösen wir die Gurtratschen und zerren die drei jeweils 70 Kilo schweren Segel ins Cockpit, dann durchs Schiff ganz nach vorne nach Lee,
Laden die drei Spinnacker und die übrigen Segel oben auf und ziehen die Taljen fest, mit denen die Segel nach der Wende auf dem anderen Bug in Luv gehalten werden. Ein unmöglicher Kraftakt bei diesen Bedingungen. Etwa so, wie Paletten umzuwuchten im Laderaums eines LKWs der über eine Rallyepiste heizt. Wir transferieren den Wasserballast, bereiten das neue Backstag vor, öffnen die Mastrotation, senken das neue Schwert, winschen es bis zum Anschlag nach unten, bereiten die leeseitige Travellerleine vor, fieren die Großschot etwas, klarieren die Stagsegelschoten, ein kurzes Nicken
beider Stirnlampen gibt das Kommando. Sobald ich einmal auf den Knopf gedrückt habe, um das Ventil für den Schwenkkiel zu öffnen, muss die Wende klappen – sonst liegen wir auf der Backe. Ich drücke den blauen Knopf „Release“, dann den Autopilotenbefehl zur Wende, doch der Pilot reagiert nicht. Gerade noch können wir das Manöver abbrechen, alle Schoten etwas fieren, schnell zur Pinne springen und von Hand steuern. Wir stehen fast. Ryan ruft mir zu: „Go now!“. Ich bin skeptisch, aber drücke die Pinne weg.
Unser Schiff geht durch den Wind. Alles Gut, geschafft, wir sind erleichtert. „Good job“. Ein kurzer verbaler Händedruck. Gischt peitscht durchs Scheinwerferlicht auf dem Vordeck, erst jetzt spüre ich, wie kalt sie am Hals und Nacken und Kopf sind, diese ständigen mitternächtlichen Wasserkaskaden. Doch es geht nicht richtig los, der Pilot steuert zu hoch. Wieder haste ich zur Pinne und greife ein. Beinahe hätte der Pilot uns in
den Wind gestellt und alles zunichte gemacht. Anscheinend ein Problem, das uns auch beinahe die Wende vereitelt hätte. „Reset“ der Instrumente und erneuter Versuch. Wieder geht die Yacht in den Wind. Umschalten auf den Zweitpiloten. Immer noch das gleiche Problem. Erste Vermutung: Der Steuerantrieb muss defekt sein. Doch erstmal schiebt sich eine neue Priorität in den Vordergrund. Der gleiche Frachter von vorhin ist wieder auf Kollisionskurs. Er dampft geradewegs gegen den Wind an und wir kreuzen nun wieder seine Spur. Ryan und ich brüllen uns kurz durch den Wind zu. Wir wollen den armen Offizier nicht noch einmal anfauchen, drehen ab und segeln ein oder zwei
Seemeilen halbwinds, um hinter seinem Heck durchzugehen. Ich nutze die Zeit, klettere durchs Schiff, tauche ganz nach hinten ins Heck. Eine Sekunde überlege ich, ob ich die noch blitzweiße Neutrogena Segeljacke ausziehen soll. Doch sofort kommt mir der Gedanke absurd vor. Etwas Wasser schwabbelt hier hinten umher. Ich rühre mit meiner Hand drin herum, kein Hydrauliköl. Der Motor des Piloten hat eine normale Temperatur, nichts zu sehen. Ich schraube die Schubstange vom Ruderquadranten ab und setze die Stange des Ersatzpiloten an. Ryan ist draußen am Ruder, überschüttet von Wasser. Für einen Moment hatte ich inneren Widerstand hier nach hinten ins schlagende
Schiff zu kriechen, doch nun hier, fühle ich mich geborgen, weit weg von dem Kampf an Deck. Mit der neuen Schubstange funktioniert alles wieder. Wir überlassen sie sich selbst, unsere „Veolia“ – oder „Neutrogena“, wie sie ja jetzt heißt … Wir sinken jeder in unsere Ecke und schließen die Augen. Nach einem Sekundenschlaf wache ich wieder auf.

Heute: Der erste normale Tag. „Es ist doch ganz schön, nicht die ganze Zeit völlig außer Kontrolle zu sein“, bemerkt Ryan euphorisch. Die erste Kommunikation mit der Außenwelt für mich seit einer Woche: Diese Mail. Während ich unter dem Kajütdachvorsprung hocke und über die See schaue, spüre ich dieses alte Gefühl wie früher nach Törns bei schwerem Wetter auf der Nordsee. Überstanden. Gewonnen. Matt aber lebendig und Energie kommt mit jedem Happen Essen und jeder Sekunde Schlaf zurück in den ausgelaugten Körper. Ich sinke zurück in meine geschützte Cockpitecke, warm in Ölzeug eingemummt. Ich könnte mich endlos diesem Blick hingeben über dieses
Wunderwerk aus Grautönen staunen. Grautöne, die alle einen Hauch Blau enthalten. Kraftvolle Sturmwolken und lange Dünung … Ein großer, eleganter Seevogel gleitet durch die Wellentäler. Ein kleiner Bruder der Albatrosse. Beäugt uns, fliegt nahe zum Vorstag, schwebt in unsern Abwinden eine Weile mühelos nebenher, dreht ab und fährt in seinem Tanz mit den Wellentälern fort. Da entdecke ich einen kleinen Vogel der verzweifelt hinter uns herhastet. Mit hektischem Flatterschlag. Ich beobachte den tapferen
Burschen. Er wird sowieso sterben, denke ich. Er kommt näher, gerät dann in Turbulenzen und wird wieder und wieder abgedriftet, kämpft sich wieder
heran, dicht über der Wasseroberfläche, scheint jeden Moment tot ins Meer zu
fallen. Er gibt nicht auf. Ich denke an den mühelosen Gleitflug meines kleinen Albatrosses. Der Kleine hier ist fehl am Platz, so unendlich unterlegen, kaum Chance zu überleben. Entzückt über die hartnäckige Lebensenergie des Kleinen schlafe ich ein … Als ich aufwache, sitzt er vor mir auf dem Piano, schlafend. Ich schließe die Augen und bin zufrieden mit der Welt.

Boris

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13 Antworten auf Die Trainingsregatta

  1. Jens sagt:

    Klasse! Schlichtweg klasse. Danke für diesen persönlichen Einblick!!

  2. Jannik sagt:

    Unglaublich gut geschrieben! Gänsehaut-Feeling!

  3. Sirko sagt:

    Respekt! klingt nicht nach netten Fahrtensegeln ist ja aber auch eine Regatta. Schön geschrieben.

  4. Jochen sagt:

    Hi!
    Das ist der wahre Wahnsinn! Einfach schön extrem. Grüße J.

  5. Nils sagt:

    Hey, das liest sich wie der kommende Krimi-Bestseller!!! Super geschrieben, muss man einfach in einem Rutsch lesen! Auf ein paar hoffentlich schönere Tage für euch!

  6. Benni sagt:

    Selber noch nicht lange im Kreis der Segler, lese ich diesen Blog sehr gerne! Das hier niedergeschriebene ist so unglaublich fazinierend und beängstigend zugleich. Respekt – denn den verdient Ihr wirklich!

    Ich wünsche weiterhin viel Spaß und Erfolg!

  7. Randolf Klein sagt:

    Wahnsinn (das meine ich anerkennend)! Toller Bericht. Danke.

    Fair winds!

  8. Jürgen sagt:

    Die Beschreibung erzeugt Gänsehaut. Heftige Bedinungen…

  9. Ronny sagt:

    Ich kann mich diesen Kommentaren nur anschliessen. Freue mich schon auf den nächsten Bericht.

  10. Edgar sagt:

    Gute Lektüre. Weiter so!
    Hätte gerne mal ein Bild von dem kleinen Vogel gesehen.

  11. boris sagt:

    liebe Leser, danke für das positive feedback!